Ultra

24 Std. Burginsellauf in Delmenhort ......... 11. - 12. Juni 2011

 

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24 Stundenlauf

bedeutet, rund um die Uhr zu laufen! Aber nicht nur so lange, bis sich der lange Zeiger einmal um das Zifferblatt gedreht hat, nein, er muss 24-mal rum! Der kurze Zeiger muss nur 2-mal rumgetickert sein! Hat es der kurze Zeiger deshalb besser als der Lange? Beide sind einen ganzen Tag unterwegs. Der Lange läuft zwar schneller, doch ist er auch nicht eher fertig. Der kleine Zeiger ist daher relativ cleverer.

Bei allen Läufen die ich bisher absolviert habe(außer dem Cebit-Run) waren die Kilometer vorgegeben. Die Laufzeit konnte ich selbst bestimmen. Je kürzer die Zeit, desto toller das Ergebnis. Heute wurde alles auf den Kopf gestellt. Uns wurde mit 24 Stunden wahnsinnig viel Zeit zur Verfügung gestellt, somit konnten wir einen hellen Tag und eine dunkle Nacht lang laufen, ohne eine bestimmte Distanz bewältigen zu müssen. Wie viele Kilometer zurückgelegt werden, entscheidet jeder Teilnehmer selbst. Welch ein Luxus! Im Vorfeld entschied ich mich für die langsame Lauftaktik des kleinen Zeigers.

Zum Laufen braucht man außer Zeit noch Raum, in dem die Bewegung stattfinden kann. Den fand ich auf dem 1.213,77 m amtlich vermessenen Rundkurs im Parkgelände von Delmenhorst. Hier wollte ich herauszufinden, welche Distanz ich von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 12 Uhr zurücklegen kann. 100 zugelassene Verrückte warteten beim Start mit mir in einer Reihe darauf, dass der große und der kleine Zeiger der Uhr gemeinsam auf die Zwölf zeigten. Als das Ereignis eintrat, ertönte die Starttröte. Die meisten starteten wie der kurze Zeiger einer Uhr, also langsam, ich gehörte zu ihnen. Andere stürmten los wie der lange Zeiger. Jeder wie er meinte und konnte. Über kurz oder lang wird sich zeigen, wann wem die Stunde schlägt.

Meine sollte genau in 24 Stunden schlagen. Wenn sich die Erde einmal um die eigene Achse gedreht hat, werde ich auch wissen, wie viele Runden ich durch das Parkgelände gedreht habe. Einen Sieg hatte ich für mich nicht unbedingt eingeplant.

Wie man sich bettet, so läuft man. Ich baue mein Zelt direkt an der Laufstrecke auf.

Aufstehen!

Die ersten Runden waren für mich wie Aufstehen wenn der Tag beginnt, so richtig funktionierte ich noch nicht, ich fühlte mich träge, obwohl es doch längst Mittag war. Es lag daran, dass ich nicht wusste, was mir dieser Tag bringen wird.

Ich lief erst durch den schattigen Park der Burginsel, an der Graft führte die Laufstrecke zurück zum Start und somit in die nächste Runde. Ich hatte mich für meine selbst ausgebrütete 3:1 Taktik entschieden. Die 3 stand für die Menge der Laufanteile, die 1 war der Anteil der Erholungsphasen, z.B. walken oder verpflegen.

Die ersten langen Zeiger hatten mich schon nach wenigen Kilometern überrundet. Wer schneller läuft ist früher fertig, zählte heute aber nicht. Wir werden alle zeitgleich fertig sein, es sei denn, ich breche vorher ab.

Ausgiebige Pausen habe ich mir nicht gegönnt, irgendwie war ich doch aufgekratzt. Bald fühlte ich mich wesentlich wohler und lockerer und schnell fand ich Kontakt zu anderen Läuferinnen und Läufern. Das verrückte an diesen Verrückten ist, dass sie ganz normal sind, obwohl sie das Normlose bevorzugen. Keiner trug eine Zwangsjacke, man hat Zeit füreinander und schenkte sich Beachtung und Aufmerksamkeit. Oft hat Laufen mit Erfolg zu tun, heute mit Ruhe und Gelassenheit.

Vorbereitung

Ich hatte überhaupt keinen richtigen Plan, um mich auf diesen Lauf vorzubereiten. Schlaumeierbücher von „Ich weiß wovon ich rede“ Autoren lese ich nicht mehr. Jeder redet anders und richtiger. Viele Kleinigkeiten, natürlich basierend auf wissenschaftlich anerkannten Methoden, werden übermäßig wichtig gemacht, das Große und Ganze geht dabei verloren. So etwas ist nichts für Achim. Außerdem wollte ich mein Leben in der Vorbereitungszeit nicht ganz aufgeben. Anstatt mich im Wust der Wahrheiten zu verzetteln, verließ ich mich auf mein eigenes Gefühl und meine Kreativität. Auf viele Dinge kann man von allein kommen und sie besser auf das eigene Ich abstimmen und anpassen.

Zunächst trainierte ich die 24 Stundentage. Das klappte auf Anhieb! 16 Stunden habe ich mich aufs Sofa gelegt, gelesen, gedöst, dann bin ich ins Bett gegangen und habe 8 Stunden konsequent geschlafen. Machte zusammen 24 Stunden. Erledigt! Trainingsende!

Die Hauptschwierigkeit war die: Ich wollte in den 24 Stunden auch ein wenig vorwärts kommen, sagen wir mal, so 100 km, das wäre voll das endscharfe Ergebnis. Laufen kann ich ganz gut, aber nicht ununterbrochen 24 Stunden, also musste meine Laufzeit aufgeteilt werden. Genau das trainierte ich, z.B. erst 45 Minuten, dann 50 Minuten, zur Abwechslung 1 Stunde und zum Schluß nochmal 40 Minuten laufen. Zwischendurch immer wieder ab ins traute Heim, Rasen mähen, Holz hacken, Emails senden, Kleinreparaturen durchführen oder gucken ob kein Nachbar guckt. Unter uns gesagt, ich habe das Haus zum Training immer in verschiedenen Richtungen verlassen, damit mich jeder Nachbar nur einmal loslaufen sieht. Durch ständiges wechseln der Trikotfarbe war ich kaum zu identifizieren und so ging mein schon etwas ramponierter Ruf nicht noch weiter den Bach runter.

Vielleicht nicht ganz so professionell mein Training, aber individuell und eigenwillig. Schlussendlich entstand in mir nicht das Gefühl, durch Trainings- und Ernährungspläne eingeschnürt zu werden.

Laufen und Ernährung gehören natürlich eng zusammen. So wie heute auch. Es kam für mich darauf an, nach Pausen ständig neu mit dem Laufen zu beginnen, mit dem Endziel, so zu werden wie Menschen, die nie aufhören können zu essen. Obwohl sie satt sind, fangen sie immer wieder damit an. Wenn mir das mit dem Laufen auch gelingt, vernasche ich möglicherweise die 100 Kilometer.

Weil es hier in jeder Runde um die Graft ging, bin ich zum Üben auch um den Ententeich im Nenndorfer Erlengrund gewatschelt. Nicht in 80 Tagen um die Welt, sondern in einer ¼ Stunde 20-mal um den Ententeich. Ihr seht, ich habe den Lauf nicht auf die leichte Schulter genommen, sondern an alles gedacht.

Mein oben beschriebenes spezielles Training begann Ostern, somit blieben mir 7 Wochen Zeit bis zum 24 h Lauf. Angstzustände bekam ich dadurch nicht, für mein Sportabzeichen habe ich nur zweimal trainiert und es auf Anhieb geschafft.



Trainingswahnsinn-Highligh-Tagebuch

 

24. April 2011, Trainingsbeginn

Gleich mal so um die 55 Kilometer gemacht! Locker von Esdorf nach Bad Nenndorf. In knapp über 2 Stunden. Gut, was?

Okay! Zugegeben, nicht zu Fuß, mit dem Rennrad!

Wie jetzt? Schlecht? Wieso? Gegenwind gehabt! Plattes Land da oben in Nienburg, da fliegt dir der Spargel in die Speichen.

 

27. April 2011, April, April!

Heute ist Mehrstarttrainingstag, bin 5-mal rausgelaufen.

Welch ein Tag! Ständig wechselndes Wetter.

Welch ein Training! Ständig wechselnde Bedingungen.

Alles was es an Wetter gab, konnte ich im Training über mich ergehen lassen. Sonne, Regen, Hagel, Graupel und Wind schufen die unterschiedlichsten Voraussetzungen. Das erforderte in den Pausen ständiges wechseln und anpassen der Laufbekleidung. Das kann mir in Delmenhorst auch passieren.

Kurz nachdem ich wieder draußen war, änderte das Wetter leider seine Meinung und es machte das, was ich nicht anhatte. April, April!

 

3. Mai 2011, Diät

Durch die langen Läufe verlor ich enorm an Gewicht. Immer wenn ich länger unterwegs war, verriet ich meiner Frau Karin: Wenn es klingelt und keiner steht vor der Tür, dann bin ich es.

 

6. Mai 2011, Hallo Taxi!

Ein Bewohner meiner Stadt hatte mich in der Straße „Alter Sportplatz“ mehrmals am Tag laufen sehen. Als ich mal wieder vorbeikam, und er vor dem Haus stand, fragte er mich besorgt: „Kann ich sie vielleicht irgendwo hinfahren?“

 

9. Mai 2011, Der kann gar nicht beißen!

Morgens den ersten Lauf durch den Kurpark? Nein danke! Der erste Lauf könnte der letzte sein! Wenn, dann nur mit Schienbeinschoner. Warum? Darum:

Mittlerweile kenne ich die meisten Hunde und deren Verhalten. Das der Besitzer auch. Es gibt Hundebesitzer die ihre Hunde tadellos erzogen haben. Wenn Jogger kommen, nehmen ihre Vierbeiner Platz oder sind dicht bei Frauchen und Herrchen. Wunderbar. Beim Vorbeilaufen bedanke ich mich stets dafür.

Dann gibt es Hundehalter die kein Benehmen kennen. Erst mal den Hund auf den Jogger zulaufen lassen, bevor er zurückkommandiert wird. Neulich war ich von einem ganzen Chappi-Geschwader umzingelt. Mir zitterten die Knie und ich fand es sehr belästigend, außerdem ging mir die Muffe. Natürlich wollten die Hunde „nur spielen“. Ich hatte aber keinen Bock auf spielen. Wenn ich auf Frauchen zulaufe und mit ihr spielen möchte, bekomme ich doch auch zu Recht Ärger.

Die nächste Töle fletsche aggressiv mit den Zähnen und hatte greifbar meine rechte Wade im Visier. Als die Besitzerin aus der Ferne rief: „Keine Angst, der kann gar nicht beißen“ löste sich meine Erstarrung allmählich.

Viele Hunde sind wegen der Anleinpflicht auch tatsächlich festgemacht. Ganz schlaue Hundehalter finden für Gesetze kluge Gestaltungsmöglichkeiten. Am Erlengrund sah ich nur den Halter mit einer roten Leine in der Hand. Als mich der Hundehalter sah, beorderte er seinen Hund auch gleich zurück. Es dauerte ein wenig, bis am Ende der 25 m Leine der Hund erschien. Da wundern wir uns, dass normale Gesetze nicht ausreichen, jetzt muss auch noch die Leinenlänge festgelegt werden.

 

11. Mai 2011, AchimMap

Seit meinem speziellen Mehrstart-Training kenne ich alle Straßen von Bad Nenndorf, nun überlege ich, ob ich meine Kenntnisse nicht Google Street View zur Verfügung stellen soll.

 

16. Mai 2011, Warum eigentlich nicht?

Da lag er vor mir. Der Teich im Erlengrund. Um den Teich führt ein Weg. Auf diesem Weg kann man den Teich umrunden, ähnlich soll es im Stadtpark von Delmenhorst sein. Ich wollte es nicht machen. Wirklich nicht!

Also hab ich es gemacht. Es sind 20 Runden geworden. Von der Brücke, die über den Teich führt, kann man in das Wasser hineinschauen. Ich hab immer dann hineingeschaut, wenn Spaziergänger kamen, sonst hätten die gedacht, ich leide an Sockenschuss und sie hätten die Rettung alarmiert.

Wie man in den Teich hineinschaut, so schaut es nicht wieder heraus. Karpfenaugen glotzen mich an. Riesen Oschis! Seht ihr, ihr habt nicht mal gewusst, dass dort Karpfen schwimmen. Ich bis dahin auch nicht. Merke: Laufen macht schlau!

Nach 20 Runden war Sense! Die Frau mit dem Labrador blieb neben mir stehen, glotzte erst fragend auf mich und interessierte sich dann doch lieber für die Karpfen. Mein Interesse galt ihrem Labrador, der war gewandt über den Jägerzaun gehopst, gönnte sich eine Abkühlung im Teich und aalte sich zwischen den Karpfen. In der folgenden Unterhaltung habe ich von Frauchen viel über Karpfen gelernt. Merke: Stehen bleiben macht noch schlauer.

Allerdings möchte ich in Delmenhorst 24 Stunden laufen und nicht am Karpfen-Workshop teilnehmen.

 

18. Mai 2011, ultimativer Stresstest

11 Trainingsstarts zwischen 6 und 18:15 Uhr! Bilanz: 7:03 Stunden reine Laufzeit. Das addieren der Laufzeiten ergab um 18 Uhr 6:52 Stunden. Das konnte so nicht bleiben. Die 7 sollte stehen, eine Runde um den Häuserblock ging noch, die 7 stand.

 

20. Mai 2011, Psychoterror

Knallharte Psychotricks stärken die Birne. Damit ich beim 24 Stundenlauf nicht ständig zum Ausruhen ins Zelt laufe, habe ich mit dem Auto den Ernstfall geprobt. Ich parkte den Blechhaufen am Ende der steilen Parkstraße, und beauftragte es, Zelt zu spielen. Wenn ich total kaputt vorbei kam, habe ich die gemütlichen Autositze ignoriert, bin daran vorbei gelaufen und habe meine vorher festgelegte Laufzeit gnadenlos eingehalten.

Noch schwerer war es, an Gigi´s Eispavillon vorbei zu kommen. Auch das gelang mir erfolgreich. Zum Schluss meiner Trainingseinheit hatte ich mir ein Eis redlich verdient. Schokolade und Vanille ist für mich so eine Art Tapferkeitsorden, die Kühlung erleichterte mir den Heimweg. Hätte ich das Auto auch gleich wieder mit nach Hause genommen, hätte ich mir einen weiteren Lauf bis ans Ende der steilen Parkstraße ersparen können. Na ja, passiert schon mal.

 

21. Mai 2011, Da war doch was, die kenn ich doch!

Erstaunt war sie schon, die Dame mit dem kleinen Hund. Am Podbielski-Denkmal (steht im Park, ganz nett da) wunderte sie sich, dass ich schon fast 7 Stunden gelaufen bin. Gibt´s doch nicht!

Am Samstag sah ich die Dame wieder. In der Beilage einer ortsbekannten Zeitung berichtete sie, der Kurpark sei ihr Lieblingsplatz, es wäre ganz nett da. Sie ist Taxiunternehmerin und hat im letzten Jahr 100 000 km zurückgelegt! Was es alles gibt!

 

23. Mai 2011, Auslaufen

Da laufe ich 10 Jahre immer die gleiche Strecke durch den Kurpark, und nun? Nun stehen Bagger auf der Promenade und bereiten deren Abriss vor. Die Laufstrecke für den Kurparklauf musste kurzfristig verlegt werden. Mit Dörte bin ich zweimal vom neuen Kurs abgekommen. Heute sind Gisela und mir auf der Suche nach der richtigen Laufstrecke verirrte Läufer aus allen Richtungen über den falschen Weg gelaufen. Zum Schluss sind wir zum Auslaufen über die Promenade geflitzt. Es war ein endgültiges Auslaufen, am nächsten Tag ging das Gebuddele los, die Promenade war dicht.

 

25. Mai 2011, Brötchenbringdienst

Ist mir so aufgefallen: Die meisten fahren mit dem Auto zum Bäcker. Könnte ich auch, sind immerhin 80 Meter, und für drei Brötchen brauch man schon mal einen Kofferraum.

Ist mir so eingefallen: Den Weg zum Bäcker könnte ich doch glatt in meine Laufstatistik einrechnen. Warum auch nicht? Es ist morgens immer mein erster Gang, ich sollte, anstatt zu gehen, einfach nur laufen. Und den Bäcker wechseln. Also lief ich zu dem Bäcker am anderen Ende von Bad Nenndorf, kurz vor Waltringhausen, das waren lockere 5 km. Das normale Leben kann wie Training sein.

 

26. Mai 2011, kleine Brötchen backen

Nochmal mit Andreas für den Kurparklauf geübt. Nach 2 Runden total geschwächelt, den Rest des Trainings geschwänzelt und im Sportdress das Kurhaus erkundet.

 

28. Mai 2011, Kurparklauf

 

29. Mai 2011, Wohin?

Manchmal möchte man einfach nur weglaufen. Aber wohin? Diese Frage stellte ich mir heute. Allmählich gingen mir die Laufstrecken aus. Ich folgte meinem inneren Kompass und der schickte mich auf eine Strecke, die ich freiwillig nie ausgewählt hätte. Ich erledigte die Aktion mit großer Gelassenheit. In Sachen „man muss es nehmen, wie es kommt“ hatte ich einen großen Schritt nach vorne getan.

 

31. Mai 2011, Nassgemacht

Mann, war das hart! Nein, nicht das Training, die Trockenperiode. Ewig keinen nassen Hintern mehr beim Laufen bekommen. Ich laufe gern bei Nässe. In den letzten Wochen sind Läufe im Regen ständig ins Wasser gefallen. Aber heute Nachmittag kam Prasselregen ohne Ende runter. Schade, dass ich vormittags gelaufen bin.

 

3. Juni 2011, Freunde fürs Laufen

Mein letzter langer Trainingslauf führte mich zum Fernsehturm im Deister. Er ist längst ein guter Freund geworden, jeden Monat mache ich eine Tour zu ihm. Der Turm zeigt Größe, ist standfest, behält den Überblick, hat eine große Ausstrahlung, ist den Wolken nahe und steht über den Dingen. Heute trabte ich mit Gisela hoch, er empfing uns bei schönstem Sonnenschein. Ich versprach ihm, nach dem 24 Stundenlauf wiederzukommen. Er signalisiert, dass er bis Delmenhorst senden könne und dass er mich mit positiver Energie versorgen wolle.

 

6. Juni 2011, Großkampftag

Montags ist für Gisela Großkampftag. Sie leitet zwei Kurse im Medifit und geht danach mit mir noch laufen. Gut, dass sie dann nicht mehr so ganz frisch ist. Zwei lockere Kurparkrunden lagen heute noch drin. Gut, dass der Montag nach dem 24 h-Ententeichlauf ein Feiertag ist………… unser Training fällt aus.

 

9.Juni 2011, Von oben bis unten durchgestylt

Gestern zum Frisör gewesen, laufschnittigen Haarschnitt machen lassen. Heute eine kurz Strecke gelaufen, Haare fühlten sich echt windschnittiger an. Beide Laufschuhpaare ausprobiert, sitzen auch, alles ist angerichtet.

Fazit: Von Kopf bis Fuß alles perfekt.

Jetzt werde ich nur noch dehnen. Vor allem die Laufstrecke möchte ich auf 100 km ausdehnen. Samstag fange ich damit an. Bis dann…………

30 Kilometer und noch kein bisschen müde ...........

Hoher Besuch

In den ersten Stunden lief es unverschämt gut, aber das erste Loch kündigte sich an. Weniger angekündigt standen plötzlich Heike und Andreas an der Strecke, ich war so überrascht und so im Trott, dass ich erst verdattert an beiden vorbeilief. In den folgenden Runden wurden sie in den Pausen mein Anlaufpunkt und wir hatten viel Spaß. Heike und Andreas tauchten zur rechten Zeit auf, ihr Besuch gab frischen Mut und wurde die Brücke über das Loch. Das Loch gab es nicht mehr, es war voll mit Motivation. Als Heike und Andreas gingen, hatte ich die Marathonstrecke von 42 km geschafft. Andreas Videoaufnahmen werden eine schöne Erinnerung sein.

 

Jeder Start war hart

Je länger die Zeit dahin rann, umso schwerer fiel es mir, nach einer Erholungs- oder Gehpause den Lauf wieder aufzunehmen. Es ist nicht wie beim Computer, einfach beenden, neu starten und schon läuft alles wie geschmiert. Bei meinen Neustarts dauerte es eine Weile bis meine Laufwerke wieder in Schwung kamen.

Langsam näherte ich mich einer magischen Marke. 51 km bin ich bei der Harzquerung gelaufen. Um 19:30 Uhr hatte ich eine neue persönliche Bestleistung aufgestellt: 52 km! Neuer Längenrekord! Ich war mein neuer Champion. Jeder folgende Schritt führte mich ab jetzt weiter auf unbekanntes Neuland und tiefer ins Abenteuerland. An den Abgrund dachte ich nicht. Als Optimist glaubte ich fest an die 100 km, als Pessimist befürchtete ich, dass es stimmt.

Neue Bereifung ab 35 km

Läuferlager

Alles was eine gute Betreuung ausmacht war im Läuferlager vorhanden: Verpflegung vom Feinsten (24 Stunden „All you can eat“ wäre möglich gewesen), Massagebänke mit verschiedenen Wellnessangeboten, Ärzte für etwas größere medizinische Komplikationen, aufmerksame Helfer, sanitäre Anlagen und Zeltplätze für die Aktiven. Im diesem Lager entwickelte sich eine gemütliche familiäre Atmosphäre, es wurde viel gelacht und wenn es sein musste, wurden die Sorgen geteilt. Es wurde meine Erholungsinsel.

 

Mantras

Noch nie musste ich aufgeben, bislang bin ich immer ins Ziel gekommen. Zwar angekommen aber dreimal nicht mehr laufend. Zweimal hatte ich mich überschätzt, ein anderes Mal ließ eine Verletzung nur noch humpeln zu. Alles nicht so schlimm, aber es macht traurig, wenn man aufhören muss zu laufen und gehen muss, weil es nicht mehr geht.

Heute kann ich aufhören, wann ich will: Zeit egal, Kilometer egal! So, wie ich möchte oder kann: laufend, gehend, krabbelnd, rückwärtsgehend oder im Handstand. Diese Freiheit beruhigte mich. Heute gibt es kein Ankommen, nur ein offizielles Ende nach 24 Stunden. Ein früheres individuelles Ende ist nicht auszuschließen aber die Leistung bis dahin geht nicht verloren und wird gewertet.

Bislang habe ich jeden Lauf geschafft. Elbtunnel-, Brocken- und Rennsteig Marathon, 51 km durch den Harz, 22 km auf dem Laufband, Lauf im Bergwerk, Lauf im Parkhaus und durch die CeBit – Hallen, 22 sonstige Marathons und natürlich unseren Bad Nenndorfer Kurparklauf, um nur einige zu nennen. Solche vollbrachten Leistungen kann man sich in Krisensituationen als „Mantras“ immer wieder vorsprechen. Da werde ich dieses Gehoppele über den ganzen Tag verteilt auch noch durchhalten.

Ich dachte mehrmals, ich könnte ja mal eine neue Pause machen. Ich hatte mir am Rand der Laufstrecke ein kleines Zelt aufgespannt, eine Art Notunterkunft mit all den wichtigen Dingen des Laufens: Ersatzschuhe, frische Laufsachen, Isomatte, Schlafsack, positive Gedanken, Talisman und mein Notizblock mit dem Namen Racebook.

Isomatte und Schlafsack steigerten mein Verlangen auf eine Pause im Zelt ins Unermessliche. Lauflust zersetzende Gedanken geisterten in meinem Hirn: Pause! Liegen!! Schlafen!!! Im Schlafsack würden die 24 Stunden auch vergehen. Meine Mantras waren stärker, ich rannte am Zelt vorbei und lief weitere Furchen in den Stadtpark.

Die erste längere Pause kam nach 8 Stunden, ich ließ mir bei der Massage meine Oberschenkel auflockern.

Versprochen

Damit sich zu Hause keiner unnötige Sorgen machen musste, hatten wir bestimmte Zeichen für meine Nachrichtenübermittlung per Handy ausgemacht.

Dreimal klingeln: bin in der Spur.

Zweimal klingeln: geht noch.

Einmal klingel. Oh! Oh!

Keinmal klingeln: mein Akku ist leer.

Klingeln an der Haustür: Ich habe hingeschmissen und bin zurück!

Kleiner Scherz, so war es nicht. Auch wenn ich hier laufend zu tun hatte, Zeit zum kommunizieren nahm ich mir trotzdem. Viele saßen zu Hause und drückten mir die Daumen, daher war es mir wichtig, ihnen ein „alles in der Spur“ oder ein „Oh! Oh!“ zu senden. Der Text meiner SMS lag zu dieser Zeit in der Mitte der Gefühlsskala bei „geht noch“!

Die innere Einkehr in meinem 1-Sterne-Wigwam wirkte wie ein Aufenthalt im Kloster, die Ruhe und Abgeschlossenheit im Zelt vermittelte Geborgenheit. Meine einzige Bequemlichkeitszone war der Schlafsack. Als ich mich gegen 21 Uhr, nach 59,5 km, marode darauf niederließ, konnte ich mich deutlich selbst spüren, -es tat mir an einigen Ecken weh. Zwischen Geist und Körper herrschte vollendete Harmonie: Liegen bleiben! Die im Kloster von vielen Menschen angestrebte Entdeckung der Langsamkeit hatte ich draußen auf der Laufstrecke erfahren.

Die guten Wünsche in den SMS-Rückmeldungen auf meine Nachrichten spendeten Mut und neue Motivation. Wie ein schützendes Zelt umhüllten sie mich auf den nächsten Runden

Nachtlauf

So ein Ding hatte ich schon immer mal vor. Aber nicht im Rudel durch irgendeine asphaltierte Großstadt. Hier beim 24 Stundenlauf gab es für mich erstklassige Bedingungen: Laufen durch den illuminierten Park! Traumhaft! Ich musste nur aufpassen, dass ich die Nacht nicht im Zelt verpennte, alles eine Sache der Einteilung, das hatte ich zuhause aber nicht trainiert. Den Probeaufbau des Wigwams schon, das Aufstehen vor Mitternacht nicht. Um so ein Missgeschick zu verhindern, lief ich einfach bis Mitternacht durch. Eins war klar, es sollte ein Nachtlauf werden wie ein Silvestertag.

Wurde es!

In der Nacht zum Jahreswechsel geht es schon seit Urzeiten um die Abwehr von bösen Geistern. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag kämpfte ich schon weit vor Mitternacht gegen diese Biester. Sie wollten mir einreden, eine erneute Pause zu machen. Ich hörte einfach nicht auf sie. Mitternacht rückte näher. Ich hatte mich piekfein gemacht, ein neues kleines schwarzes Laufshirt angelegt und sogar die Socken gewechselt. Der Übergang in den neuen Tag verlief ohne Böller und Feuerwerk. Wie eine Rakete fackelte hier sowieso niemand mehr durch den Schlosspark. Die Band am Rande der Strecke sorgte für gute Laune, heiterte auf, aber nach deren Takt zu laufen funktionierte bei mir nicht mehr.

Dann war Sonntag.

Jemand hat mal gesagt, an diesem Tage sollst du ruhen. Tolle Idee, die ich gern umgesetzt hätte, immerhin bin ich gestern schon 12 Stunden auf den Beinen gewesen und ich fühlte mich gegenwärtig ziemlich platt.

Aus dieser Tatsache ergab sich für mich die logische Schlussfolgerung, dass Vergangenheit und Gegenwart eine Zukunft erfordern. Und die besagte, es folgen nochmal 12 Stunden Laufen.

Ohne gute Vorsätze lief ich in den Sonntag hinein. Kennt ihr an Silvester das "Bleigießen" kurz nach Mitternacht? Meine Beine fühlten sich mittlerweile auch schwer wie Blei an, sie waren schon lange erhitzt und standen kurz vor der Kernschmelze. Es wurde Zeit, sie mit kaltem Wasser zu kühlen. Gegen 0:15 Uhr ging ich kühlen, schaltete die Laufzeit meiner Beine ganz ab und entschied mich für eine oberirdische Sammellagerung meiner ausgebrannten Körperelemente im Zelt.

Ich hatte bis jetzt 74,1 km gemeistert.

 

Tüdellütt! Tüdellütt! Tüdellütt!

Glück ist kein 6-er im Lotto. Glück ist im Zelt zu liegen, sich in den Schlafsack zu kuscheln, zur Ruhe zu kommen und sich zu erholen.

Ich lag im Zelt auf der Isomatte, eingekuschelt im Schlafsack und träumte von Karins Tiramisu, das sie mir für meine Rückkehr zubereiten wollte.

Tüdellütt! Tüdellütt! Tüdellütt!

Ach ja, wie schön, mein Handy, ein Anruf! Nur nachts um zwei ruft keiner an und sagt, dass das Tiramisu fertig sei. Nein, es war ein bestialischer Weckruf. Die nächste Laufetappe stand an. Oh Mann, mir hing Laufen zum Hals raus. Das Sättigungsgefühl hatte eingesetzt: Ich bekomme keinen Kilometer mehr runter, ich mag nicht mehr, mir steht´s bis oben hin, ich bin satt. Übrigens heißt Tiramisu übersetzt „Zieh mich hoch!“

Kennt ihr diesen tiefsinnigen Kalenderspruch: Man soll aufhören wenn es am schönsten ist? Davon konnte ich leider keinen Gebrauch mehr machen, der Zeitpunkt war längst überschritten. Schön fühlt sich anders an, mir ging die Kraft abhanden. Ich fand alles schaurig. Das schlimmste aber war, mir blieben noch mehrere Stunden Zeit zum Laufen. Oh! Oh!

An Zeit fehlt es uns vor allem dort, wo es uns am Wollen fehlt." – sagte Ernst Ferstl, österreichischer Dichter. Da es mir am Wollen nicht fehlte, fehlte es mir folglich auch nicht an Zeit. Leider! Glatte 10 Stunden blieben mir noch bis Aus und Vorbei. Z-e-h-n Stunden! Soviel wie ein ganzer Arbeitstag.

Jetzt stieß ich an meine Grenzen, mit normalen Fähigkeiten kam ich nicht weiter. Mein Wille wurde das Fundament auf das ich aufbauen konnte. Ich robbte aus dem Zelt, krabbelte Richtung Laufstrecke und dann, ob Mantras oder Tiramisu, eins von beiden zog mich hoch und im aufrechten Gang lief ich weiter um diesen Ententeich im Park.

Nach ein paar Runden war ich zurück im Trott. Die bunte Parkbeleuchtung gab der Veranstaltung einen festlichen, ja, romantischen Rahmen. Die wenigen Nachtaktiven auf der Piste wurden noch gelöster, der schönste Teil des Laufes begann. Ich fand bald einen rhythmischen Lauf, es funktionierte alles wie von selbst und ich erfand den Kalenderspruch: „Am schönsten ist es, wenn man nicht aufhören kann“.

Nachtaufnahmen

Guck dir das mal an!

Der Sonntag wurde heller, ich genehmigte mir eine neue Verschnaufpause. In der stand ich am Rande der Laufstrecke, um mir bei den anderen spiegelbildlich anzusehen, was ich hier mache. Die Mienen der Aktiven wurden finsterer. Ich schaute in viele leere Gesichter, bei einigen war das Wort „kraftlos“ auf die Stirn tätowiert. Andere wirkten in ihrem Laufstil noch erstaunlich frisch. So richtig einsortieren konnte ich mich noch nicht.

 

Formtief

Auf meiner Entdeckungsreise ins Abenteuerland hatte ich neue Arten der Fortbewegung kennengelernt. Egal wie, Hauptsache vorwärts! Logisch, ich bin nicht die ganze Zeit gelaufen, ich bin zwischendurch oft gewalkt. Nicht gegangen, damit das klar ist! Walking schließt die Lücke zwischen Wandern und Laufen.

Ich fühlte mich körperlich etwas angegriffen. Erstaunlicherweise wurden die Rundenzeiten dadurch nicht eklatant schlechter, nur mein Gefühl wurde negativer.

Gegen 6 Uhr gestand ich mir ein Formtief ein, mir ging alles auf den Zeiger, irgendwie tickte ich nicht mehr richtig. Mein Akku war leer! Es war an der Zeit, mich neu zu sortieren. Wenn ich so weiterlaufe, wird mich der Mann mit dem Hammer wie die Faust von Boxer Vladimir Klitschko treffen. Zum Glück erinnerte ich mich an Leo Tolstoi, dessen Bücher Vladimir, wenn er nicht gerade Milchschnitten isst, auch gerne liest. Tolstoi meinte: Glück besteht nicht darin, dass du tun kannst was du willst, sondern darin, dass du immer willst was du tust“.

Soll heißen, ich konnte hier nicht wie ein Blödmann um den Teich ballern, sondern, weil ich lief wie Akku leer, werde ich es wollen, dass ich so langsam laufe und es okay finden.

 

Das Laufen geht weiter

13,2 Milliarden Jahre dreht sich die Erde um die Sonne. Immer in der gleichen Geschwindigkeit, ohne Training und so. Eine Weltklasseleistung!

Ich laufe 18 Stunden um eine Gracht und werde schon leicht nervös. Ihr wollt wissen wie vieleKilometer ich bis jetzt abgespult hatte? Die Information wurden zwar ständig auf dem Monitor dargestellt, ich konnte sie mir nicht mehr merken. Ich nahm nichts mehr auf, litt unter einer Info-Demenz. Geistige Auswärtstermine lenkten mich dafür sehr gut ab. Meine Gedanken schwirrten überall herum, sie wollten einfach nicht mit mir im Stadtpark bleiben, im Kopf entstand ein Gedanken-Steinbruch in dem ständig Fiktionen hin und her klonkerten.

Positive Erinnerungen und aufbauende Gedanken eignen sich in solchen brenzligen Situationen gut als Dosenöffner. Damit konnte ich mich befreien und ich fühlte mich fortan nicht mehr wie die Fliege im Glas. Meine Lauftaktik hatte sich auf 1:1 reduziert, der Unterschied zwischen Laufen und Walking blieb gerade noch sichtbar. Das mich sogar eine schnelle Walkerin überholte, bleibt bitte unter uns.

Alle, die 100 km durch den Park gelaufen sind, erhielten eine kleine Fahne, auf der fett 100 km aufgedruckt war. Wer noch Kraft besaß konnte triumphierend und stolz damit rumwedeln. Ich lief und lief und ging und ging und stand immer noch mit leeren Händen da.

Gespräche mit Leidensgenossen wurden seltener. Das formulieren von Sätzen fiel schwerer, wir feuerten uns kurz und knapp an, um irgendwie über die Runden zu kommen. Sätze mit Glück im Schlafsack, Bett im Kornfeld oder immer wollen was man tut und so, schnallte eh keiner mehr. Tolstoi wurde auf Krieg und Frieden reduziert, einige zitierten versimpelt Micky Maus oder Garfield.

Jeder aufmunternde Klaps auf die Schulter war wichtige und gefühlte Motivation für die nächsten 120 Meter. Ich blieb jetzt öfters stehen, egal, auch dann vergeht die Zeit, zwar gefühlt langsamer, Hauptsache sie vergeht! Es waren doch nur noch 6 Stunden zu laufen! Nur noch? Immer noch!! Unvorstellbar wenn die Zeit ausgerechnet jetzt kaputt gehen und stehenbleiben würde. Oder ein frustrierter Läufer schlägt sie aus lauter Langeweile tot. Um Gottes Willen! Alles, nur das nicht!

Meine Lauftaktik löste sich gänzlich auf, mit allem was noch ging, bewegte ich mich vorwärts. Ob Untergehen auch eine Art der Fortbewegung ist?

Könnt ihr noch folgen? Ich meine, nicht läuferisch. Mehr inhaltlich? War echt eine konfuse Phase in dem Lauf.

Das Laufen wird härter

Das die Zeit manchmal schneller vergeht als man denkt, kennt ihr auch. Unsere Zeit richtet sich nach dem Stand der Sonne. Hätte sich die Zeit in diesem Augenblick nach meinem Gang gerichtet, wäre sie stehen geblieben. Oder die Uhren müssten jede Stunde zwei Stunden zurückgedreht werden. Etwas hat sich mir eingeprägt: Wenn ich langsam laufe, hat es die Zeit erstaunlicherweise auch nicht gerade eilig. Es sind einfach nur die negativen Gedanken, die die Situation verschlimmern. Meine Rundenzeiten waren, wie das Protokoll zeigt, nicht so schlecht, wie es mein Gefühl bewertete.

Zusätzlich quatschte der innere Schweinehund rein:

Was ist jetzt Achim? Geht es weiter? Oder nicht? Hör auf und sei nicht traurig. Hör jetzt auf! Nichts kann mehr helfen, höchstens neue Füße. Oder neue Beine. Oder ein neues Leben. Die Laufstrecke ist ein Dschungelcamp, hör auf und schmeiß dich selber raus.

Wieso laufe ich hier überhaupt? In Schlaumeierbüchern ist bestimmt nachgewiesen, dass solche quälenden Läufe aus der frühen Phase der spanischen Inquisition stammen. Hätte ich die Bücher bloß gelesen, wäre ich jetzt nicht hier. Was konnte ich noch machen? Vielleicht ein wenig Geld an eine Sekte zahlen….?

Es lief nicht mehr gut, es ging nicht mehr gut. Wie sollte das gut gehen? Ich hatte Angst auf der Strecke zu bleiben. Der nächste Halt war fällig. Pause! Weg hier!

Noch einen kurzen Blick auf den Monitor, neben Achim stand 99,6 km, ich lief zur Getränkebar, erfrischte mich und verschwand im Läuferlager. 99,6 km? Stand dort 99,6 km?! Es war so.

Achim!!! Wie kannst du jetzt Pause machen? Entsetzen stand im Gesicht der Läuferfrauen, die sich im Zeltlager rührend um alles kümmerten, sogar um meine 100 Kilometer. Eine kurze Pause gönnten sie mir dann doch, dann stellten sie mich in Laufrichtung auf die Strecke und ich lief wie gehabt um den Ententeich. Eine Runde später lief ich mit der 100 km-Fahne wedelnd und freudestrahlend am Zeltlager vorbei. Voll geil! Ich war wieder im Rennen. Der Führende hatte inzwischen 180 km zurückgelegt, den werde ich wohl nicht mehr einholen.

 

Frühwarnsystem

Aus Fehlern lernt man mehr als aus Erfolgen. Es entwickelte sich im Laufe meiner Läufe eine Art Frühwarnsystem in meinem Gehirn, dass sagt: Pass auf Mann! Das hast du schon mal vermasselt!

Für einen Tag wie heute hatte ich außer den oben beschriebenen Erfahrungswerten nichts einzusetzen. Wer Neues wagt, macht Fehler, auch heute musste ich einen Reinfall mit einplanen. Das gehört dazu. Wer keine Niederlage kennt, weiß auch nicht, was ein Sieg wert ist.

Je öfter ich los rannte, desto mehr Spaß sollte es machen. So wie mit dem Hunger, der Appetit kommt beim Laufen, -dachte ich. Ganz so war es aber nicht. Wenn du nach einer Curry Wurst satt bist, futterst du dann noch eine Calzone in dich rein? Nein!

Nein?

Du nicht?

Ich schon! Pass auf:

So früh hatte ich noch nie eine Fahne! Um 7:30 Uhr waren die angepeilten 100 km im Sack.

Endspurt

4 Stunden bevor die Tageseinnahmen gezählt wurden, spekulierte ich auf 125 km. Das wäre noch machbar. Meine Schritte wurden schneller und die Rundenzeiten besser. Einen riesigen Vorteil hatte die Jagd zusätzlich, die Zeit verging auch wieder schneller:

Muss mich beeilen, nur noch 3 Stunden, jetzt nur eine kleine Trinkpause, oh Gott, nur noch 2 Stunden, Tempo, beschleunigen, Geschwindigkeit halten …………., kennt ihr ja.

Okay, zurück zu den Erfahrungswerten. Die sagten mir, entweder gehe ich hier sang- und klanglos ein oder ich laufe gemütlich und ungefährdet 120 Kilometer.

Calzone isst man ja auch nicht auf Zeit, sondern mit Genuss. Ich entschied mich für die 120 Kilometer. So genoss ich in den letzten Runden den Triumph. Und, soll ich euch etwas sagen? Alles fühlte sich auf einmal besser an! Wie beim Essen, man ist eigentlich satt, wenn der Nachtisch kommt isst man trotzdem noch weiter, weil es so köstlich schmeckt. Karin erwartet mich am Ziel, ich überlief die Zeitmatte, auf dem Monitor erschien 120,2 km, das war´s.

 

Lauf-Souvenirs

Was bringt mir der Lauf? Kurzfristig nichts! Doch! Lang anhaltende Schmerzen! Überall.

Hat mich der Lauf weiter voran gebracht? Ja, auf jeden Fall erst mal ein paar viele Kilometer.

Und sonst?

Pass mal auf! Wenn du denkst, dass du nach so einem Lauf 10 Zentimeter hinter der Ziellinie ein anderer Mensch wirst, irrst du ein wenig. Langfristig profitiert man schon. Sätze wie: “Das geht nicht, kann ich nicht, schaffe ich nicht“, werden seltener. Diese Qualitäten entwickeln sich aber zwangsläufig schon im Training, wo ein fester Wille Grundausstattung werden muss. Man kann also nicht alles an einem Lauf festmachen. Es ist ein langer Weg zur Belohnung.

Joschka Fischer ist allerdings die Ausnahme. Er ist in seinem ersten und letzten Marathon gleich zu sich selbst gelaufen. Dort scheint es ihm wohl nicht so richtig gefallen zu haben, nach der Veröffentlichung seines Buches „Mein langer Lauf zu mir selbst“ hat er sich schnell wieder in Gegenrichtung verlassen und ist zu seinem alten Lebensstil zurückgekehrt. Dieser Weg war kürzer und bequemer.

Für mich war dieser Lauf die Zusammenfassung aller meiner bisherigen Läufe. Bei vielen Läufen war ich früher als erwartet an meiner Belastungsgrenze. Diese Grenze nicht zu überschreiten, immer haarscharf an der Kante der Belastungsgrenze tänzeln, ohne sich dabei zu überfordern oder zu gefährden, sich selbst schützen, verantwortungsvoll mit sich umzugehen, das machte die Spannung und die Schwierigkeit beim 24 Stundenlauf aus.

 

Wenn nichts mehr geht……..

Mutter Erde hatte sich einmal um die eigene Achse gedreht, der kurze Zeiger war 2-mal um das Ziffernblatt gelaufen, der lange Zeiger 24-mal. Ein ganz normaler Tag war vorüber.

Mein Lauf war zu Ende, ich war am Ende, ich konnte stehen bleiben, nichts ging mehr……… außer der Zeit, die blieb nicht stehen, sie lief einfach weiter.

Die Erde drehte sich weiter, so, als hätte sie die letzten 32 Milliarden Jahre nichts anderes gemacht, alles ging seinen Gang.

Ich habe 99 Runden durch den Schlosspark von Delmenhorst gedreht. Das sind 120,2 Kilometer. Für mich wird sich morgen schon etwas ändern. Ich werde mich nicht zum Laufen verabreden, in den nächsten 24 Stunden ist ans Laufen überhaupt nicht zu denken.

Nachbetrachtung

Stadtmarathon oder rund um den Ententeich?

Wo liegt der Unterschied? Ein Stadtmarathon ist ein Mega-Event, dort laufen 30 000 Menschen mit und es herrscht die ganze Zeit viel Rummel und Gackerei.

Beim 24 h-Lauf rund um den Ententeich in Delmenhorst herrschte oft Ruhe und Stille. Die Anzahl der Einzelstarter war mit 100 deutlich geringer als beim Marathon.

Die Enten legen ihre Eier auch in aller Stille, Hühner gackern dabei wie verrückt.
Was ergibt sich daraus? Alle Welt isst Hühnereier und läuft Marathon.

 

Im Team

war ich sofort. Schon beim Zeltaufbau wurde ich mit Handschlag begrüßt und willkommen geheißen. Am Samstag passte kein Zelt mehr auf die Wiese, unser kleines Indianerreservat war restlos ausgebucht. Gut, das viele von uns Plattfußindianer ab 12 Uhr auf Kriegspfad gingen, so gab es ein wenig Luft im Lager. Schnell kannte jeder jeden und bald mochte jeder jeden. So entstand eine vertrauliche Atmosphäre. Nach kurzen Laufpausen im Lager nahm ich stets mit neuer Tatkraft die 100 km-Fährte auf. Unser Reservat war eine offene aber in sich geschlossene Gesellschaft.

 

Ohren zu und durch……….

Wer meinte, in Delmenhorst standen nur athletische Kraftmeier am Start, hatte nur teilweise recht, die meisten sahen aus wie ich, Achim der Otto Normalo. Alle waren zweckmäßig gekleidet, auffällig war, dass keiner Wert darauf legte, 24 Stunden modischen Schnickschnack um den Ententeich zu schleppen. Zugestöpselte Ohren gab es bei den Einzelläufern so gut wie überhaupt nicht. Beim Start wurde darauf hingewiesen, dass diese technischen Hilfsmittel nicht gern gesehen und zu entfernen sind. Das fand ich reichlich übertrieben.

Der Sportwissenschaftler Joachim Auer hat es treffender beschrieben: Intensive Berieselung der Ohren ist kein Miteinander mit dem Körper. So zeige ich ihm, dass ich ihn benutze, wie ein Instrument. Heute kam es auf gute Zusammenarbeit zwischen Körper und Kopf an, innerliche Stärke war das Thema. Der Kopf ist zum Laufen sehr wichtig. Aber nicht nur, um ihm die Ohren zuzustöpseln.

Die Mucke rund um den Ententeich reichte als Unterhaltung vollkommen aus. Mir auf jeden Fall. Anderen kann in 24 Stunden schon mal langweilig werden.

 

Racebook

So hieß mein kleines Lauftagebuch. Die ganze Sülzerei auf dieser Seite ist aus Notizen, Zeichnungen und kurzen Bemerkungen aus dem Racebook entstanden. Es gab genug zum notieren und skizzieren, viele Läuferinnen und Läufer trugen entscheidend zum Inhalt bei. Nicht durch Selbstoffenbahrungsfreude, nein, hier gab es noch echte „Typen“, die leider immer weniger vorkommen. Sie werden in meinem Racebook und in meinen Gedanken bleiben. Der Abschied von ihnen fiel schwer, aber ich hatte den Trost, für 24 Stunden fühlbare Freunde gehabt zu haben.

Gefiel mir!

 

¾ Takt

Vor dem Lauf hatte ich von Musik noch weniger Ahnung als vom Laufen. Das änderte sich, als am Abend als die Band „It´s me“ Mucke machte. Nach wenigen Schritten wusste ich was ein ¾ Takt war. Immer wenn ich 3 Schritte gemacht hatte, hatte die Band schon 4 Takte gespielt.

 

Road Runner und Kojote

Die Warner-Cartoons vom Kojoten, der den rasenden Roadrunner verfolgt, liefen immer nach dem gleichen Schema ab. Ich lief nach dem gleichen Motto, nur verfolgte und jagte ich die Runden. Nach der Runde war vor der Runde. Immer und immer wieder.

Das Lagerfeuer mit der Gitarrenmusik von „Hensen & Blanke“ schuf ab 22 Uhr eine einladende Atmosphäre. Ich lief wie ein Kojote, der Angst vorm Feuer hat, immer daran vorbei. Nicht ganz so

schnell aber zum heulen war mir schon zu Mute.

 

Morgenstund ist ungesund

Geplant hatte ich 3 Stunden Schlaf, geworden ist es etwas mehr als eine Stunde. In der großen Pause hatte ich im Gemeinschaftswigwam erst Nudeln gegessen, dann einen heißen Pott Tee getrunken und anschließend mit den anderen Athleten noch ein wenig geplaudert. Dabei ging mehr Zeit drauf als geplant, das war es mir aber wert.

In meinem Zelt war es arschkalt und klamm, ich kuschelte mich tief in den Schlafsack und ratzte schnell ein.

Das Aufstehen wurde eine echte Qual. Ich hatte den Wecker nicht auf 3 Uhr, sondern auf 2 Uhr gestellt. Obwohl ich mir ganz fest vorgenommen hatte, sofort aufzustehen, wenn das Ding klingelt, blieb ich lustlos liegen. Meine innere Stimme: Du hast doch schon 74,1 km, den Rest holst du dir ganz

locker. Bleib schön in der Koje, es ist noch viel Zeit. Das was ich vermeiden wollte, trat ein: Nachlässigkeit. Ich stand mit der 3:1 Taktik auf. 3 Versuche misslangen, erst dann stand ich wie eine Eins. Die Uhr zeigte 2:16 Uhr. Da war ich ein wenig unzufrieden mit mir.

 

Was ist los?

So hieß die meistgestellte Frage nach 3 Uhr. Es ging langsam ans Eingemachte. Wenn einer Probleme hatte, hielten andere an, um ihre Hilfe anzubieten. Es gab kaum Hardware-Probleme, meistens spann die Software. „Mach hier keine Krise!“ musste ich eine Mitläuferin tadeln. Ich nahm sie einige Runden mit, nach der Problembewältigung liefen wir lachend auseinander.

 

Kreisverkehr

Was man braucht um 99 Runden, immer auf der gleichen Strecke und immer nur im Kreis zu laufen? Geradlinigkeit!  

 

Es ist, wie man es fühlt

Kontakte zu anderen Läuferinnen und Läufern waren schnell gefunden. Richtig lernte man sich aber erst kennen, als es anfing weh zu tun. Das Sprichwort „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ muss beim 24 h Lauf entstanden sein. Man teilte seine Sorgen mit, jeder öffnete sich für den anderen, fühlte und spürte mit. Man vertraute einander und so entstanden regelrechte Schmerz-Allianzen.

Die allermeisten akzeptierten das Es-ist-wie-es-ist- Gefühl, und das war nun mal hart! Und das entsprach auch meinem eigenem Empfinden. Wer verschlossen hinter einer heilen Welt-Kulisse weiterlief, wer am besten was vormachen konnte, hatte gute Chancen auf den Preis für die beste Verkleidung. Auf solche Äußerlichkeiten legte aber kaum jemand Wert.

 

Weiße Flagge

Beim 24 h Lauf wurde die weiße Flagge ständig verteilt. Es war kein Zeichen der Kapitulation, nein, jede Läuferin oder jeder Läufer bekam sie nach gelaufenen 100 km, 125 km, 150 km, usw. überreicht. Eine Runde lang durfte ich mit der 100 km Standarte um den Ententeich watscheln, damit die Zuschauer sehen, dass ich ein ganz Toffer bin. Unterwegs gab es Glückwünsche von allen anderen Läufern. Sogar die Athleten, die mich mit ihrer 175 km Fahne überholten, applaudierten anerkennend. Jeder gönnte dem anderem seinen Erfolg.

 

Kopfsache:

100 km wollte ich laufen. Das ist die Entfernung von Pessenburgheim bis Windsbach. Niemals würde ich die Strecke von Pessenburgheim bis Windsbach zu Fuß zurück legen. Aus dem einfachen Grund, ich wusste nicht, wo diese beiden Ortschaften liegen.

120 km bin ich nun gelaufen. Das ist die Entfernung zwischen Bad Nenndorf und Delmenhorst (über die B61). Nie wäre ich auf die Idee gekommen zu Fuß von Bad Nenndorf nach Delmenhorst zu laufen. Aus dem bequemen Grund, es gibt Autobahnen, Bundesstraßen und Bahnstrecken dorthin.

120,2 km! Das waren 99 Runden durch den Schlosspark von Delmenhorst. Ich hab´s mir vorgenommen, dann vorgestellt, daran geglaubt und dann gemacht. Man braucht nur etwas Mut, getarnt als Unternehmungslust und Entdeckungsspaß.

 

Voll auf die Zwölf

Ich lief von Samstag 12 Uhr bis Sonntag, den 12. Juni, 12 Uhr, 120,2 Kilometer. Die 12 ist jetzt meine Lieblingszahl ……….

 

Platz 50

Hundert Starter hatten gemeldet, 88 erreichten das Ziel. Mit Platz 50 lag ich genau in der Mitte. Den 51-zigsten hatte ich in 24 Stunden um 4 Meter geschlagen. Boooh, war das knapp!

 

Danke!

Danke an alle, die mich beim Training begleitet haben und die mich bei der Vorbereitung unterstützt haben. Durch eure Hilfe ist diese Leistung erst zustande gekommen. Gedanklich habe ich euch auf einigen Runden mitgenommen.  

Danke an alle, die mich im Zeltlager so aufgenommen haben, als gehörte ich schon jahrelang zu ihnen.

Ein großes Lob an das Orgateam des Lauftreffs Lebenshilfe. Ihr habt einen guten Job gemacht. Ich habe mich jederzeit wohltuend betreut und sicher gefühlt. Das Verpflegungsangebot war gigantisch, in meiner gesamten Karriere habe ich so etwas noch nicht erlebt.

Danke an die 2 Masseusen, die 24 Stunden!!!!! im Einsatz waren und mich zweimal fit massiert haben. Die letzte Massage war schmerzhafter als der ganze Lauf. Aber lieber 10 Minuten Beißholz, als 10 Stunden Krämpfe.

Danke an Heike und Andreas, die 120 km von Bad Nenndorf nach Delmenhorst gefahren sind, um mich zu unterstützen. Das war total lieb!

Danke an alle, mit denen ich auf der Laufstrecke reichlich Gedankengut austauschen konnte. So kehre ich körperlich und geistig erschöpft nach Hause.

Danke an alle, die mich nur milde belächelt haben und die ihre Brötchen weiter mit dem Auto vom Bäcker nebenan holen. Ihr habt mich am meisten motiviert.