Marathon

Brockenlauf .............................................. 5. September 2009

So was kommt von so was.

Es gibt Läufe, die läuft man und gut ist. Es gibt Läufe, die haben Spirit, die erlebt man und vergisst sie nie. Der Brockenlauf über 27 km hatte diese Magie und sein zauberischer Glanz leuchtete lange in mir.

Es gibt Dinge, die macht man, weil man sie machen muss. 5 Wochen nach dem Brockenlauf nehme ich den mystischen Berg abermals unter die Laufschuhe. Doch diesmal ist ein kompletter Bergmarathon über 42,195 km angesagt.

Brocken - Marathon .................................... 10. Oktober 2009

Das Schwein in mir

Mein innerer Schweinehund:

„2-mal in 5 Wochen über den blöden Berg? Das ist doch wie mit dem Kopf durch die Wand!“

Mein Kopf:

„Nicht ganz! Die Panzerplatten auf dem Kolonnenweg sind zwar die Wand, da möchte ich aber nicht mit Gewalt durch, sondern mit Spaß und Freude hoch.“

Innerer Schweinhund:

„Schon wieder? Langweilig! Immer das Gleiche!“

Kopf:

„Laufverderber! Es ist doch eine ganz andere Motivation. Der Weg hat 2 Ziele: Erst den Berg bezwingen und danach noch die Marathondistanz bewältigen!“

Innerer Schweinhund:

„Schwerstarbeit, sozusagen!“

Achim:

„Hör zu, Schweini, wir machen das. Wenn du noch lange rumzickst, nehmen wir dich erst gar nicht mit. Dann kannst du zu Hause mit der Wärmflasche auf dem Sofa liegen bleiben und die Apothekenumschau lesen.“

Bauch:

„Genau! Wir glauben ans Gelingen. Glaube bezwingt Berge. Glaub du einfach an nichts, Schweini, aber das ist noch schwerer zu erreichen.“

Achim:

„Die Erinnerungen an den Brockenlauf sind einzigartig. An dem Lauf heute geht kein Weg vorbei!“

Innerer Schweinehund:

„Ich arme Sau.......“

Kopf:

„Kopf hoch, Schweini ..........“

Mitstreiter

Dörte und Martin waren wie Schweini und ich auch zum ersten Mal beim Brocken-Marathon dabei. Was uns bevorstand war nicht im Sinne von Marathonveranstaltungen der Marke: Masse macht´s. Auch viele Volksläufe sind nicht gleichzusetzen mit so einem herrlichen Naturlauf. Dörte und Martin fieberten dem Lauf genauso entgegen wie ich. Nur Schweini nervte rum.

Aberglaube und Dogma

Martin war später angereist. Zum gemeinsamen Abendessen traf er pünktlich in Wernigerode ein. Am Vorabend des Marathons saßen wir hungrig mit Aberglaube und Dogma an einem Tisch. Den Tisch beim Italiener hatte ich schon vorsorglich in Wernigerode bestellt.

Aberglaube:

„An gleicher Stelle haben wir vor unserem erfolgreichen Brockenlauf gegessen und getrunken, davon lassen wir uns nicht abbringen. Das bringt Glück.“

Dogma:

„Her mit den Pastagerichten, denn Beweise das Nudeln vor dem Marathon gut tun, gibt es zuhauf.“      

Schweini:

„Grunz! Grunz!! Ich könnte auf´ne Currywurst.“

Bauch:

„Es gibt Nudeln. Pasta!“

Dörte und ich aßen abergläubisch das gleiche wie vor dem Brockenlauf: Pizza.

Mit Anlauf zum Höhenrausch

Der Brockenmarathon startet in Hasserode, von dort nehmen wir 10 km Anlauf, dann geht es von Ilsenburg hinauf auf den Brocken.

Wo das „Hasseröder Bier“ bei euch steht, wisst ihr ja. Wo Hasserode liegt auch? Etwas Geographie schadet nie. Merke: Hasserode ist ein Vorort von Wernigerode.

Kurz vor 9 Uhr versammelten wir uns zum Start. Auf einer grünen Wiese braute sich etwas zusammen. Das fühlte sogar das sensible Schwein in mir.

Schweini:

„Achim, kannst du nicht mal nur das machen, was dir abverlangt wird?“

Kopf:

„Anderen nach der Pfeife tanzen ist noch erdrückender. Wir wollen die Freiheit beim Sport nutzen und selbst entscheiden, was wir wollen und machen.“

Endlich erfolgte der ersehnte Start. Es gab keine Startblockeinteilung, kein Gedränge oder irgendwelche andere Aufregungen. Wir klatschten uns ab, denn Martin hatte eine schnellere Renneinteilung gewählt als Dörte und ich. Nach wenigen Metern war Martin verschwunden. Dörte und ich hatten eine humanere Rennplanung vorbereitet. Bis zur Brockenhexe in 1142 m Höhe wollten wir zusammen laufen, dann sollte Plan „Spontan“ aus dem Hut gezogen werden. Wir der aussieht, entscheiden wir am Gipfel. Dörte und ich machten uns planlos in Richtung Brocken auf die Socken. Die geschätzte Zielzeit von Zeit 4:30 Std. unterschrieb Dörte bedenkenlos, sie galt als Anhaltspunkt für alle, die uns zurück erwarteten und für Gisela, die dann beim Zieleinlauf sein wollte.


We will (B)rock you

Der Brocken lag in Wolken eingehüllt vor uns. Nicht zu glauben, dass wir bald da oben rumflitzen. Bis Ilsenburg hatten wir nur wenige Höhenmeter zu überwinden. Was wir nicht bedachten war die Tatsache, dass das Gelände wie eine Fieberkurve rauf und runter ging. Aus dem lockeren Anlauf wurde ein zäher Einstieg. Über angenehme Waldwege erreichten wir llsenburg. Von dort ging es hinauf zum Gipfel. Ab Ilsenburg war Dörte und mir die Strecke vom Brockenlauf vertraut und sehr geläufig. Am Ortsausgang lag das Hotel, in dem wir uns vor 5 Wochen mit Gisela auf den Brockenlauf gefreut hatten. Ab heute macht Gisela dort mit ihrer Familie Kurzurlaub, öffnet das Hasseröder Bier, packt eine Tafel Schokolade aus und legt die Beinchen hoch, anstatt hier mit zu laufen!

Gleich hinter dem Hotel war Schluss mit der Erinnerung und der Zivilisation, dann konnte man wieder die herrliche Natur bestaunen und sich verzaubern lassen.

Die riesige Freilichtbühne Brocken stand uns für unseren Auftritt zur Verfügung. Die Hauptrollen waren längst an die flinken Läufer vergeben. Wir übernahmen die Charakterrollen, denn heute waren positive Persönlichkeitseigenschaften gefragt.

Schweine sind sehr sensibel und in der Freilandhaltung ganz locker drauf, sobald sie aber in der Massenzucht gehalten werden, kann Stress sie sogar umbringen. In der Tat gab mein Schweini in der weitläufigen Natur Ruhe. Es grunzte nicht mehr dazwischen.

Gleich zu Anfang begrüßte uns ein Sportfreund, der uns vom Elbtunnel-Marathon kannte. Die Welt der Verrückten ist doch sehr übersichtlich. Einen Läufer aus Leipzig trafen wir immer wieder, er ist ein alter Haudegen, der allerlei Marathons auf der Visitenkarte hatte. Er wurde unser Leipziger Allerlei.

Sogar ein dänisches Ehepaar traute sich in das schwere Gelände. Die höchste Stelle Dänemarks ist der Yding Skovhoj, der nach der neuesten Messung 170,77 Meter hoch ist, von Berg möchte ich da nicht reden

Alles ist Eins, bis auf die Null

Es wird lästiger. Schweini stöhnt und meldet sich wieder. Ansonsten fühlt sich der Rest von mir gut.

Kopf: „Alles ist Eins, bis auf die Null –Schweini!“

Bauch: „Schweini hat mal wieder keinen Bock!“

Schweini weiß, ich werde ihn hier nicht aussetzen und ihn als Sau durch den Harz treiben. Jetzt gilt es den Schwächeren zu unterstützen und zu motivieren. Teamgeist ist eine Tugend, die wir durch den Sport erworben haben, da ist auch für den tapsigen Schweini Platz.

Es wird steiler, es wird kälter, es wird mühevoller. Dörte und ich sind ruhiger geworden. Der Kolonnenweg liegt vor uns. Der Kampf gegen den Berg ist mit viel Arbeit an der eigenen Person verbunden. Dann begann der Kolonnenweg und mit ihm der Kampf.

Steile Steigung

Den Kolonnenweg laufend zu bewältigen ist eine harte Angelegenheit. Viele fanden hier sehr früh ihren Geh-Punkt. Das war aber immer noch besser, als auf einen Standpunkt zu verharren. Bei diesen Temperaturen wäre das die Hölle gewesen. Auf den Panzerplatten hatte ich vor 5 Wochen nur einen Geh-Punkt gehabt. Heute wollte ich durchlaufen.

Meinem Schweini wurde es saukalt. Er feuerte mich an, weil er ahnte, wenn ich aufhöre zu laufen, bibbern wir uns einen ab. Schweini brauchte mich!

Schweini: Es ist kalt wie Sau! Ich habe Eisbeine! Bitte nicht anhalten!

Ich machte mir Feuer unter dem Hintern und gab alles für Schweini, bislang sind wir überall beharrlich durchgekommen. Gut, er hatte mir schon ein paar Rennen versaut. Er hat trotzdem immer versucht alles zu geben. Er hat mich oft veranlasst, mich selbst zu hinterfragen und hinter die eigene Fassade zu schauen.

Achim: „Schweini, wir schaffen das, komm, halt durch! Den Rest da hoch schaffen wir auch noch!“

Die meisten hatten sich die angebotenen Plastiksäcke zum wärmen übergestülpt und gingen. Als einziger zu laufen wirkte ein wenig großkotzig und es war mir ein bisschen peinlich. Martin, der es auch schaffte, hatte das gleiche Gefühl.

Auf den Panzerplatten war die Sicht noch gut. Was ich sah: Steile Steigung – Kurve – steile Steigung – nächste Kurve – nächste steile Steigung usw. Irgendwann spürte ich, die nächste steile Steigung wird die letzte steile Steigung. Dann der rettende Schriftzug auf den Panzerplatten: 1000 M ü.NN.! Jetzt wurde es flacher, ich hatte das Gemeinste überstanden. Die Hölle liegt in tausend Meter Höhe, danach beginnt der Himmel. Himmel und Hölle liegen dicht beieinander.

Der Turm versteckte sich im Nebel. Auf der letzten Rampe nach der Brockenbahnquerung begann ich meine kleine innere Feier. Ich werde es ohne Geh-Punkt bewerkstelligen! Ich schleppte Schweini mit nach oben. Das bringen wir jetzt gemeinsam zu Ende. Glück kann man verdoppeln, wenn man es teilt. Am Ziel unserer ersten Etappe freute ich mich mit Schweini, wir waren oben. Schweini grinste und grunzte vergnüglich. Alles war Eins, auch die Null.

Der Brocken, der Nebel, Schweini und Ich, Dörte kommt gleich.

Oben

Die Atmosphäre auf dem Gipfel war erneut geheimnisvoll und unheimlich. Ansonsten: obligatorischer Nebel, leichter Regen, kalter Wind und 5 Grad.

Meine Suche nach einem windgeschützten Felsspalt hatte Erfolg. Von dort konnte ich in die Strecke sehen und auf Dörte warten. Sie kam, nach einem Fotoshooting und etwas Nachfreuen ging es talwärts.

Dörte´s Schweinehund forderte ein paar Gehpausen ein. Beim Gehen ist man nicht wesentlich langsamer, nur enttäuschter, weil wir doch Läufer sind. Auch Dörte hat die Herausforderung auf den Panzerplatten Spaß gemacht, einfach probieren was so läuft. Wenn´s nicht läuft, geht´s trotzdem weiter. Alle hatten bis zum Gipfel ihr Bestes gegeben, und jetzt startete der 2. Teil.

Na bitte! ......Sag ich doch ........... schon da..............und noch toppfit

Zurück in den Abgrund

Nun ging es bergab. Auf dem geteerten steilen Hauptweg entstand das Gefühl, als ob du ständig schneller laufen musst, als du willst. Das Gefälle riss Dörte und mich nach unten. Das ging mächtig auf die Gelenke. Ich war sicher, dass heute die 2. Marathonhälfte schneller werden würde. Bei mir kündigte sich im Oberschenkel und in der Wade des rechten Beins ein Krampf an. Ich blieb zurück und begann mit den Reparaturarbeiten.

Schweini schonte sich, er war eingepennt, lag auf dem Stroh in meinem Kopf und heckte neuen Mist aus. Wahrscheinlich Pessi-Mist.

Nach weiteren 3 km zweigte der Laufweg von der geteerten Strecke ab. Das Gefälle ließ nach und wir kamen in herrliches Naturgebiet.

Nach 27 km hatte ich Wade und Oberschenkel locker gelaufen. Dörte und ich liefen gemeinsam dem Tal entgegen und wir spielten Ichsein.


Der Berg nimmt, der Berg gibt.

Meine Sorgen waren groß, als mir nach 20 km meine Muskeln Unannehmlichkeiten machten. Ein wenig früh, oder? Hatte ich beim Aufstieg zu viel investiert? Hat mich der Berg ausgelaugt?

Es ist wie im Leben: Der Berg unterstreicht, wie anstrengend es ist, nach oben zu kommen. Darum sollte man den Höhepunkt bewusst und sehr intensiv genießen. Manche bemerken ihn gar nicht mal. Nach unten kommt man schneller.

Der Blick ins Tal mit seinen Schluchten, Wasserläufen und Felsformationen wirkte wie ein Energiefeld auf mich. Der aufsteigende Nebel, der Wechsel zwischen Dunkel- und Helligkeit erfrischte Geist und Seele. Die mentale und körperliche Kraft kam zurück und gab mir eine unheimliche Dynamik. Krämpfe? Schmerzen? Kenne ich nicht! Noch 12 km? Na und! Kein Problem! Alles war innerhalb von Sekunden gut. Das Wunder vom Brocken überraschte mich bei km 30.

Mit Verstand und Logik kann ich diese Hexerei nicht erklären. Ich habe keinerlei Begründung dafür und kann die Dinge die meinen analytischen Geist überlistet haben nur akzeptieren. Als Wahrheit. Ich war froh darüber.

Kopf und Bauch hatten längst dienstfrei.

Durchgekommen

Die letzten Kilometer waren die schönsten. Es kamen noch ein paar krasse Gegensteigungen. Bei km 32 ließ Dörte abreißen, sie wählte ein anders Tempo und traf am Ende wieder auf Kumpel Leipziger Allerlei.

Es war fantastisch zu erleben, wie gelassen und ruhig alle Athleten ihren Lauf zu Ende brachten. Die „Geher“ feuerten die Läufer an, die wiederum unterstützten die „Angeschlagenen“.

Das Ziel kam näher. Heute wäre der Tag für einen 50 km –Lauf, es wäre noch weiter gegangen. Das Ziel war im Weg, nach 42 km wurde unser Lauf beendet.

Meine anfängliche Sorge um Dörte war unberechtigt. Ich hatte unseren Kleiderbeutel kaum geholt, da stand sie auch schon quietsch vergnügt bei Gisela. Sie kam ca. 5 Minuten nach mir rein und hat einen fantastischen Lauf erlebt. Wir verabschiedeten uns von unserem Naturfreund aus Leipzig und watschelten über die schmierig gewordene Wiese in Richtung Ferienwohnung. Es regnete wie Sau.

Alles war gut

So lautete Dörte’s und meine Bilanz. Die Analyse fand noch auf dem Weg in die Ferienwohnung statt. Wir sind mit Genuss durchgekommen und dieser Lauf wird uns noch stärker machen. Damit ist kein Muskelzuwachs gemeint. Stärke muss nicht nur nach außen bewiesen werden, sondern sollte auch innerlich aufgebaut und bewahrt werden.

Jetzt wollten wir nur eine heiße Dusche, warme Klamotten und einen Kaffee. Mein Kopf und mein Bauch sahen das auch so.

Schweini tat mir ein wenig leid. Er war ganz ruhig. Für mich ist er ein Held, der nie ein Sieger wird.

 

Martinstag

Es war der 2. Martinstag in diesem Jahr. Als wir die Ferienwohnung betraten lag Martin cool auf dem Bett, frisch geduscht und gedehnt, er dachte schon über den morgen stattfindenden Frühstückslauf nach. Vor dem Lauf hatten Martins Freunde und Bekannte behauptet, wer den Brocken hochläuft ist verrückt.

Ich bestätige es nach dem Lauf: Marin ist in echt verrückt. Er ist nicht gelaufen, er muss gesprintet sein. Martin ist diesen Kracher - Marathon in 3:28 Std. gesprintet. Echt, wir haben es auf seiner Urkunde hexenschwarz auf weiß gelesen. Martins gute Zeit hatte für Dörte und mich etwas Gutes. Er hatte den Tisch schon gedeckt, den Keks verteilt und den Kaffee in Vorbereitung. Echt gut, wenn man schnelle Teammitglieder hat.

 

Martin       3:28:55 Std.

Achim       4:45:01 Std.

Dörte        4:51:08 Std.