Marathon

Elbtunnel - Marathon ................................... 25. Januar 2009

Hinter dem Ziel ist vor dem Start. Gleich geht es los. Dörte und ich sind noch guter Dinge

Unter Tage

Für den 25. Januar 2009 hatten Dörte und ich einen Abstecher in die Unterwelt von Hamburg geplant. Die Reeperbahn und schwere Jungs schieden aus moralischen Gründen von vornherein aus. Eine andere Möglichkeit wäre der unterirdische Tunnel des ersten Teilchenbeschleuniger im Forschungszentrum für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung gewesen. Im Vorgängermodell des neueren und moderneren Teilchenbeschleuniger in Cern sausen Elektronen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit in einer Röhre unter Tage um die Kurve, um dann mit ebenso schnellen Protonen zusammenzutreffen. Crashtests im Dienste der Teilchenphysik. Die Dienstzeit eines Elektrons beträgt 10 Stunden; dabei legt es 1,7 Milliarden Runden im Tunnel zurück, das ist eine Strecke von 10,79 Milliarden Kilometer, mehr als genug, um zum Pluto und wieder zurück zu fliegen.

 

Unter Wasser

Wir entschieden uns für eine ähnliche Aktion. Wir wollten im alten Elbtunnel unter Tage und Wasser auf die Umlaufbahn gehen, die Röhren 48 mal umkurven, unsere Teilchen selber beschleunigen, die Dienstzeit sollte nicht länger als 4:15 Stunden dauern, genau die Zeit, um die Marathonstrecke von 42,195 km zurückzulegen. In den Bereich der Lichtgeschwindigkeit werden wir also nicht vorstoßen und auf den Crashtest verzichten wir freiwillig. Der Tunnel ist 868,5 Meter lang, 6 m hoch und ca. 4 Meter breit. Die Fahrbahn zum Laufen ist nur 1,95 Meter breit.

 

Skeptische Blicke

Die Reaktionen auf unsere Ankündigung im alten Elbtunnel am Marathon teilzunehmen, fielen eindeutig aus. Zusammenfassend: Ihr spinnt! Schon bevor wir die 48 Umdrehungen abgespult hatten, wurden wir als völlig durchgedreht charakterisiert.

Warum nur? Beim Indoor - Marathon geht es genauso zu wie draußen, man rennt und rennt und rennt und irgendwann rennt man ins Ziel. Vielleicht liegt es daran, dass wir nur im Kreis laufen? Das ist doch ganz normal, es ist längst erwiesen, dass der Mensch unwillkürlich immer im Kreis läuft. Für dieses Phänomen brauchen Dörte und ich nicht unbedingt eine Wüste, uns reicht der Elbtunnel.

Gehen wir es mal statistisch an: Es gibt nur eine Gerade, aber unendlich viele Kreisbahnen. Die Wahrscheinlichkeit, von der Geraden abzuweichen, ist demnach unendlich hoch. Im Elbtunnel laufen wir organisiert im Kreis und wo der Tunnel gerade ist, können wir nicht abweichen, wir würden sonst voll gegen die Kachelwand bersten.

 

Streckenbeschreibung

Vorab einen Blick in den Tunnel. Dort sieht es aus, wie in der längsten Fliesenausstellung der Welt, die immer im Kreis geht.

Machen wir philosophisch weiter: Der Kreis ist die vollkommene Figur der Einheit und Einfachheit. Wer im Kreis läuft und am Ende ist, kann immer wieder von vorn anfangen. Mit dieser Einstellung wollen wir Runde für Runde abspulen und uns dabei auf unsere eigene Leistungsfähigkeit verlassen. Die ist nicht sehr hoch, denn wir haben für einen Marathon schon mal mehr trainiert. Ein wenig Glück gehört auch dazu, dieser Lauf ist wie ein Roulette für Fortgeschrittene, bei dem wir die rotierenden Kugeln sind. Wenn wir es geschafft haben, sind wir Kreismeister und werden uns fühlen wie Weltmeister. Natürlich haben wir Respekt vor dem Tunnel, der Lauf liegt schließlich nicht vor uns wie eine offene Pralinenschachtel. Es wird kein Marathon für Kaffeetanten.

Vor dem Lauf

Begeisterung entsteht nicht von allein, da bedarf es ein wenig Eigenleistung. Alle Aktiven versuchten am Start einen kleinen Beitrag davon einzubringen. Ganz so einfach war das nicht, die Motivation für diesen Lauf war unterschiedlich ausgeprägt und reichte vom Idealismus bis zum Masochismus. Für Dörte und mich galt: Aller Anfang ist Neugier, es ging darum, zu erleben, wie sich ein Indoor - Marathon anfühlt. Das kann man nur erfahren, wenn man es probiert. Heute bekommt unsere Neugier die passende Antwort. So entstand bei uns die nötige Spannung und ein mulmiges Gefühl. Ich muss gestehen, trotz großer Zuversicht gerieten wir nicht in die ganz große Vorstart-Ekstase. Es reichte immerhin zu einem breiten Grinsen für das Startfoto, bevor wir mit den restlichen 280 ganz normalen „handelsüblichen“ Läufern in die Unendlichkeit des Kreises verschwanden.

Unsere Fangemeinde schaute uns skeptisch hinterher. Karin und Nina wollten sich nicht die ganze Zeit bei 7 Grad in der Röhre aufhalten, lockere 4 Stunden, stehend im Tunnel zu verbringen, wäre ein wenig zu viel verlangt. Dörte und ich brauchten uns nicht so zu langweilen, wir durften zur Abwechselung laufen.

 

Im Tunnel

Die ersten Runden gehörten der Eingewöhnung, wir wollten die Fliesen kennenlernen und die Luft abschmecken. Andreas hatte mir seine Polaruhr geliehen, damit konnte ich parallel zum Veranstalter jede gelaufene Runde speichern. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Irgendwie machte ich einen katastrophalen Bedienungsfehler und die Uhr versagte ihren Dienst.

Die Strecke wurde ab der 10 Runde reizarm. Als wir unsere Teilchen 1 Stunde in der Röhre beschleunigt hatten, bekamen wir langsam den berühmten Tunnelblick, sonst passierte nicht viel.

Runde 20 war bewältigt und wieder ist nichts passiert. Ist deshalb der Lauf für die meisten so schrecklich, weil eben nichts passiert? Keine Unterhaltung, keine Aktionen? Müssen die meisten bespielt werden, um Spaß und Unterhaltung zu erleben?

Runde 30 ging vorbei, es passierte weiter nicht viel! Der schnöde Kurs macht die Sache langsam very heikle. Auf der erlebnisarmen Strecke sank die Aufenthaltsqualität deutlich ab, dafür begann jetzt die gedankliche Auseinandersetzung mit unserer Tätigkeit. Das andauernd überhaupt nichts passierte, wurde echt das dominierende Problem. Ich wünschte mir eine Vision, die Enge des Tunnels ließ keinen Raum für Erscheinungen zu. Blieb noch das innere Bild einer Vorstellung, aber auch das Kopfkino sprang nicht an. Also lief ich weiter mit, 380 Meter gerade, 180 Grad Linkskurve, 380 Meter gerade, 180 Grad Linkskurve und so weiter und so weiter und so rum.

Das Karussel geht immer wieder rundherum, rundherum, rundherum, rundherum, rundherum
......... rundherum ............... Runde rum ................ rumpfderum .................. Stumpfsinn dumm

Mitlauf - Crisis I

Kurz nach der Runde 35 bekam ich die Mitlauf-Crisis. Die Fliesenwand wurde zur Klagemauer. Dort eine Nachricht zu hinterlassen, erschien mir zu zeitaufwendig und so richtig Sorgen machte ich mir auch noch nicht. Wer 9 Kurparkrunden läuft, denkt nicht schon nach 35 Tunnelrunden geistesarmes Zeug.

Mein Selbst befand sich immer noch dort, wo auch die Augen waren. Und die erkannten, dass noch alle Fliesen im Tunnel an der richtigen Stelle klebten, die Kacheln bewegten sich nicht, die reale Umwelt wurde von mir weiterhin unverändert wahrgenommen. Das deutete ich als ein prima Zeichen, denn Halluzinationen wären schließlich auch eine Vision gewesen. Andererseits fand ich es auch schade, hätte ich doch sonst mit Dörte „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen können.

Ab der 40. Runde ging es zu wie im Comic, eben warst du noch die Figur, die von einer Dampfwalze platt gefahren wurde, in der nächsten Szene bist du schon wieder unversehrt in Aktion. Die Dampfwalze überrollte mich einige Male.

Der Kampf begann, inzwischen liefen wir deutlich langsamer. Viele Läufer waren schwer gezeichnet und wurden zum Abbild der Unzufriedenheit. Man kannte sich mittlerweile und wenn wir uns trafen, lagen immer wieder ein paar Worte drin.

Wir kamen dem Ziel näher. Noch 8 Runden und es wäre geschafft. Nur nicht zu früh freuen, das Licht am Ende des Tunnels könnte auch in ICE sein und dann liegst du wieder plattgefahren auf den Fliesen.

Zwar entstanden kurze Gedankenschleifen, aber noch dirigierte uns der Hirnkasten. Es legte zementhart fest, dass wir es schaffen wollen, aber er überließ unseren Teilchenbeschleunigern ganz demokratisch die Laufgeschwindigkeit. Noch nahm das Gehirn den Körper nicht als Geisel. Das wollten wir auch mit aller Macht vermeiden. Wenn dein eigenes Ich nur noch eine Einbildung ist und dein freier Wille nicht mehr existiert, verlierst du die Kontrolle.

Körperlich waren wir noch nicht in alle Einzelteile zerfallen und Visionen apokalyptischer Ereignisse blieben uns weiter erspart.

Ich hatte andere Sorgen, je mehr mein Zuckerspiegel sank, desto mehr stieg mein Bedürfnis nach kulinarischer Erholung an. Aber noch eine Banane? Nein, danke.

Mitlauf-Crisis II

Wir waren platt wie die Kacheln an der Elbtunnelwand. Sechs Runden vor dem Ende stieg Dörte ganz unerwartet aus. Nichts ging mehr, ihr Kopf hatte zugemacht. Karin und Nina nahmen sie in Empfang.

Für mich war das Schock und Warnung zugleich, jetzt hieß es allein weiterlaufen und durchkommen. Die Details des Laufes, wie z.B. Endzeit, wurden zur Nebensächlichkeit, jetzt ging es nur noch um das Große und Ganze.

Am Ende des Kreises

In den letzten Runden spürte ich die Unendlichkeit des Kreises auch körperlich. 2 Runden vor Schluss gab es zum Glück die Augenblicke in denen man sich vollkommen frei fühlt, in denen man von nichts, rein gar nichts bestimmt wird. Jetzt konnte ich langsam anfangen, meinen Sieg zu feiern.

Wenn du das Ziel schon 48 mal überquert hast, ist der Zieleinlauf nur noch ein Routineablauf. Am Ende des Kreises konnte ich nicht mehr gerade stehen, aber es reichte trotz der enormen Anstrengung zum Lachen.

Am Tageslicht brachte ich die wahren Strukturen von Raum und Zeit deutlich durcheinander, ich fühlte mich 50 m groß und glaubte der Lauf hat sich innerhalb von 30 Sekunden abspielt.

Auf dem Weg zur Dusche kamen wir an der Laufstrecke des Hamburg Marathon vorbei.

Hier bin ich oft als Publikumswinker im Unterholz der 20000 Starter mitlaufen.

Endlich im Ziel. Der Schmerz geht vorbei und das Lachen setzt sich durch.

Der Blick in den Tunnel ..................................................

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