Ultra

Harzquerung ................................................... 24. April 2010

Laufen bis der Harz kommt

Mein nächstes Highlight war ein Lauf durch den Harz. Diesmal keine 27 km wie beim Brockenlauf und auch keine 42 km wie beim Brockenmarathon. Es kam noch heftiger, 51 km über die Berge im Harz, ständig rauf und runter. Eine völlig quere Angelegenheit, die den Namen Harzquerung zu Recht trägt. Der Harz ist inzwischen mein Lauf-Mekka geworden. Seit dem ersten Brockenlauf bin ich angefixt. Leider wird der Brocken heute ausgelassen, der Poppenberg ist mit 600 m ü.NN. der größte Brocken. Und der kommt erst als finale Steigung ab km 36.

Mein Vorbereitungstraining auf den Ultralauf fand im Deister statt. Der Deister ist freilich genauso wenig mit dem Harz zu vergleichen, wie ich mit Haile Gebreselassi oder Reinhold Messmer. Einfach probieren wie weit es geht, neue Grenzen entdecken, nach hinten verschieben oder sogar überwinden. Genau das wollte ich probieren, erleben oder erdulden. Nicht die Berge bezwingen, sondern das eigene Ich.

Ein angestrebter Vorsatz ist ein Gaul, der oft gesattelt, aber selten geritten wird. Bei mir ist es anders, wenn ich mir etwas vornehme, gehe ich sogar schon mal ohne Pferde durch.

 

Trainieren was geht

In der kalten und langen Winterzeit bin ich bei während der Vorbereitung über Eis, Schnee und durch Pfützen und Matsch gelaufen. Alle anderen Wetterkapriolen habe ich ebenso überstanden. Wann und wo es nur ging habe ich trainiert. Obendrein stand in der Muckibude das Laufband selten still. Es ging also auch im Winter einiges. Mein Trainingsplan ist stets mein Körper geblieben. Er bestimmte Intensität und Umfang.

Bei der Vorbereitung war ich nach allen Seiten offen. Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Mit diesem Markenzeichen lebe ich ganz gut. Die abwechslungsreiche Vorbereitung hat mir viel Spaß bereitet und es kam schon beim Training abenteuerliche Aufbruchsstimmung in mir auf.

 

Lernen, was nicht geht

Einige Marathons haben große Schutthaufen in mir hinterlassen, die läuferisch nicht mehr recycelt werden konnten. Diese Läufe wurden nicht meine Freunde, sie waren aber großartige Lehrer. Unglück ist eine intensive Schule. Man muss auch mit den negativen Seiten konfrontiert werden. Mit dieser unschätzbaren Erfahrung reiste ich in den Harz.

Heute wollte ich meine Fehlerquote minimieren, solange, bis ich in den mir unbekannten Bereich vorstoße. Was dann kommt ist neu, ab dann gibt es frische „Nahrung“ für die Körper und Psyche.

Was nehme ich mit?

Gute Laune, Spaß, Freude, Begeisterung im Herzen, Kribbeln und ein flaues Gefühl im Bauch, Respekt und wie immer reichlich Neugier in der Birne.

Und sonst? Meine Digicam und 1 Getränkeflasche, es gibt nur alle 10 km Verpflegung. Auf die Mitnahme einer Stoppuhr verzichtete ich, ich vertraute meiner inneren Uhr, vor Einbruch der Dunkelheit werde ich schon irgendwie irgendwo eintreffen. Für meine Taktik brauchte ich keine Ticktack. Das Ziel ist wie eine Oase, Kamele finden immer dort hin.

 

Bild: ohne Laufbuch läuft nix!

Beim Frühstart zu Berge

ich gähn, vallera!

Große Ereignisse werfen mitunter ihre Schatten unter meine Augen. Gäääähn! Um 8:10 Uhr verließ ich meine Pension in Wernigerode und wartete wenig später in der Salzbergstraße auf den Startböller. Hier standen keine Leute, die glauben, nur das wäre vernünftig, was man mit ernsthaftem Gesicht tut. Alle waren gut gelaunt und aufgeräumt drauf. Auf Warmlaufen verzichtete ich, dass wollte ich die nächsten 5 ½ Stunden noch irgendwie einbauen. 51 Kilometer lagen vor mir! Es beruhigte mich, dass auch anderen Läufern im Tal schon leicht die Haare zu Berge standen.

Riesengroß war das Teilnehmerfeld nicht. 400 Verrückte aus allen Teilen der Republik versammelten sich am Start. Für Jedermann war die Harzquerung nicht unbedingt geeignet. Schon die körperlichen Konstitutionen ließen erkennen, hier tritt alles durchtrainiert an. Bei anderen Läufen stehen schon mal Teilnehmer im Feld, deren Gewicht könnte auch eine Telefonnummer sein.

Es war wieder ein typischer Naturlauf-Start. Keine Mucke, kein Tri-tra-trallala, keine Werbeträger, keine Promis und keine Experten wie bei den großen Laufevents. Im Orga-Büro gab es lediglich 3 Zettel. Einer war die Startnummer, der andere die Rückfahrkarte für den Bus und der letzte gehörte zur Identifizierung an den Umkleidebeutel.

Zwischen parkenden Autos und den letzten Häusern von Wernigerode heraus verließen wir die Zivilisation. Punkt 8:30 Uhr machte es ohne die geringste Vorwarnung „Peng“ und der Lauf begann ohne elektronische Zeitmessung. Auf der anderen Seite des Harzes saß Irgendwer noch gemütlich am Frühstückstisch und setzte zeitgleich mit den 8:30 Uhr Nachrichten eine Stoppuhr in Gang.

Nach dem Kommando flog das Teilnehmerfeld nicht sofort auseinander. Von fliegen konnte keine Rede sein, denn es ging gleich humorlos in die erste Steigung über 4 km. Die Wege waren schmal, überholen war fast unmöglich. Viele gingen, um ihre Körner nicht gleich am Anfang zu verbrauchen. Es war mal nicht das schnelle gehirsche nach dem Start.

Nach der Steigung hatte ich mein Warm up erfolgreich abgeschlossen. „Erfolg besteht zu 10% aus Inspiration und zu 90% aus Transpiration.“ (A. Einstein). In dieser anmutigen Naturlandschaft erhöhten sich bei mir die Anteile der Inspiration mit jedem Kilometer.

Einiges auf der Strecke kam mir in die Quere: zum Beispiel dieser Baum.

 

Achim allein im Harz

Nach dem ersten Verpflegungspunkt bei 11,5 km war jeder allein unterwegs. 400 Läufer verteilen sich schnell auf 51 km. Jeder war nur für sich da. "Nur der Einsame findet den Wald; wo ihn mehrere suchen, da flieht er, und nur die Bäume bleiben zurück." (Peter Rosegger). Die gewaltige Ursprünglichkeit des Harzes schloss mich vollkommen ein.

Wenn es aus dem Wald hinausging, sorgte das weite Gebiet dafür, dass ich mich mental nicht so abgeriegelt fühlte. Dennoch blieb ich total abgekoppelt von aller Hektik. Es folgte ein ständiger Wechsel unterschiedlichster Landschaftsformen. Das Auge lief mit, der Kopf nahm die Bilder dankbar auf und dem Körper blieb nur die Rolle des Komparsen. So ging es immer weiter: Querfeldbeet und ständig rauf und runter.

Weil ich dort lief, wo ich unbedingt sein wollte, machte mir das allein laufen wenig zu schaffen. Etwas Angst, von der Strecke abzukommen hatte ich schon. Punkt 17 Uhr war Zielschluss. Und dann? Wird im Harz das Licht ausgemacht? Meine Entscheidung zügig weiter zu laufen bekam Sinn. Lieber heute bis 17 Uhr kreuz und quer durchs Gelände stolpern, als den Rest des Lebens im Harz orientierungslos herum zu irren.

Ein paar Kilometer hatte man schon einige wechselnde Laufpartner. Es wurden Lauferfahrungen und Streckenbeschreibungen ausgetauscht, manchmal auch die Kameras für ein Erinnerungsfoto. Sightseeing im Harz. Laufen oder fotografieren, das war hier die Frage. Wir schafften beides.

Warum machst du das?

Diese Frage ständig auszuhalten ist anstrengender als ein Marathon. Antwort: Weil ich einmal weiter als die Marathondistanz laufen möchte. Der Wunsch war da und das Ziel somit klar. Voller Tatendrang und Energie habe ich die nötigen Maßnahmen umgesetzt, um das Ziel zu erreichen. Dafür muss man natürlich einiges tun und noch mehr lassen. In dieser Zeit hätte ich mich auch damit beschäftigen können, Gründe dafür zu suchen, warum ich es nicht schaffen kann. Probieren und erleben wie es ausgeht beantwortet die Frage aber von selbst.

Einen Marathon halte ich immer aus. Andere halten auf dem Sofa sogar schlechte Filme bis zum Ende aus, bloß um zu wissen, wie denn der Film ausgeht. Ist doch das Gleiche.

 

Achtung! Natur!

Die einzelnen Kilometer waren nicht ausgeschildert. Ich empfand es als sehr angenehm, nur das Laufen interessierte, die ständige km-zählerei nervt nur. Anstatt auf Schilder zu achten, konnten wir uns so auf das schwierige Terrain konzentrieren. Es ging über knorrige Wurzeln, umgestürzte Bäume, wackelige Brücken, steinige Bachläufe und durch matschiges Gelände. Einige Meter auf einem Eisenbahngleis gehörten auch zum Angebot. Dornige Sträucher und spitze Äste mussten galant umlaufen werden. Breite oder ebene Wege gab es nur ganz selten.

 

Ich mach dann mal weiter!

Inzwischen hatte ich 30 km absolviert, mein Körper drängte sich schleichend in den Vordergrund. Hoffentlich macht mein Komparse nicht Karriere und spielt mir bald den tragischen Held. Noch war alles gut, aber ab km 35 kam ich in den Bereich, in dem sich das blitzschnell ändern kann. Wenn mich etwas aus dem Gleis wirft, bilde ich mir nicht ein, alles sei verloren. Es fängt nur etwas Neues, Gutes an. Das Gute folgte sowas von prompt: der Anstieg auf den Poppenberg. Wenn ich den geschafft habe, bin ich bei km 39. Danach geht es bis zur Marathonmarke nur noch bergab. Der angedrohte Anstieg zerrte an Körper und Geist. Der Abstieg entpuppte sich als krasse Schubnummer, die mächtig auf die Gelenke ging. Unten angekommen hatte ich die Marathondistanz geschafft. Glückwunsch! Dafür hatte mich die Rumpelei um 3 cm zusammen gestaucht. Beileid!

Gedanklich freute ich mich auf den anstehenden Urlaub auf Langeoog, an der See fallen die Berge nämlich flach.



Eindrücke von der Strecke

Harzquerung oder Harzquälung?

Man kann sich den Lauf auch brutaler gestalten. Wer zu schnell angeht wird dafür bezahlen. Wer zu früh kommt, den bestraft der Poppenberg. Meine Zurückhaltung am Anfang zahlte sich aus. Nach 42 km war ausgemacht, dass ich es schaffe. Untenrum liefen die Beine noch akzeptabel, Obenrum im Kopf gab es weder negative Gedanken noch irgendwelche Zweifel. Innenrum herrschte Gelassenheit.

Nur an den Verpflegungsstellen gab es einen Hinweis auf die gelaufenen Kilometer. Von Neustadt waren es noch 8 km bis ins gelobte Ziel. Hier wurde sogar Bier ausgeschenkt. Alkoholfrei? Dachte ich auch. Nee! Mit Promille! 43 km in den Beinen, 1 Flasche Hasseröder in der Blutbahn und 8 km vor der Brust. Ohne mich!

Beim Verpflegen nahm sich jeder Zeit, es entwickelte sich immer ein kurzes Palaver, die Getränkebecher wurden nicht achtlos weggeworfen sondern an Ort und Stelle zurückgenommen, in der Natur herrscht Ordnung.

Nach dem Marathon ist vor dem Ultra.

Die Distanz jenseits des Marathons ist unbekanntes Terrain für mich. Ab hier bedeutete jeder Meter eine neue Eroberung. Zunächst kam eine neue versaute Steigung, dann stürzte ich mich wild bremsend eine steile Downhill-Strecke hinab. Von km 43,5 bis km 46 hatte ich es mit der letzten Steigung aller Steigungen zu tun. Berge hoch laufen ist eine Lieblingsbeschäftigung von mir, heute dachte ich über andere Hobbys nach. Vielleicht auf dem Sofa liegen und schlechte Filme zu Ende glotzen, oder sowas ………..

Es wurde flacher, ich lief aus dem Wald und so langsam ging uns der Harz zum Laufen aus. Das bedeutete, irgendwo dort unten am Horizont liegt das Ziel. Horizont ist, - je näher man hinkommt, desto weiter geht er weg. Heute stimmte das haargenau, Nordhausen kam nicht näher. Mein Kopf war längst im Ziel, den Rest bekomme ich jetzt auch noch hin. Es war noch hell, nach dem Stand der Sonne schätzte ich so um 14 Uhr. Meine innere Sonne machte sich langsam klar für den Untergang. Sie hatte mich reichlich mit Energie versorgt und sofort alle dunklen Wolken der Bedenken aufgelöst. Es war wie ein romantischer Sonnenuntergang nach einem schweren Tag.

Meine Muskeln brannten ein wenig und etwas weniger Sonnenenergie tat ihnen gut. Kurze ekelige Steigungen setzten ihre Zermürbungstaktik weiter fort. Doch es passte alles noch zusammen. Am Ende konnte ich noch die Bergziege raushängen lassen und das Tempo erhöhen. Einfach mal spüren, was nach 50 km noch so drin ist.

Mein Lauf durch die Natur wurde gekrönt durch einen Ablauf wie er oft in der Natur vorkommt. Erst wurde mir heiß (90 % Transpiration) und kurz vor dem Ziel lief es mir eiskalt den Rücken runter. Als diese Gefühlsschichten aufeinandertrafen, entlud sich ein emotionales Gewitter und eine kleine Freudentränenwolke regnete die letzte Flüssigkeit aus mir heraus.

 

Unendliches Ende

Das Ziel ist zu sehen. Jetzt bleibt die innere Gefühlswelt im Mittelpunkt des Geschehens. Ich bemühe mich, Respekt vor der eigenen Leistung zu haben. Oft denkt man, wenn ich es geschafft habe, wird es wohl nicht so schwer gewesen sein.

Der Anspannung folgt die Entspannung. Meine Gedanken tanzen hin und her. Obwohl ich froh bin, es geschafft zu haben, passiert beim Zieleinlauf genau das Gegenteil. Man möchte diesen Moment in die Länge zu ziehen um diesen intensiven Augenblick länger in der Gegenwart auszukosten. Er ist einzigartig und unersetzlich.

6:15 Std. bin ich gelaufen um diesen Augenblick zu erleben.

Im Ziel! Ab jetzt könnt ihr mich Ultra nennen.

Nach dem Ultra ist vor dem nächsten Ultra

Es ist schon ein schräger Haufen gewesen bei der Harzquerung. Im Ziel gab es kein Jubel, kein Klagen, kein Jammern. Ist es Abgeklärtheit? Gleichmut? Routine? Selbst in der Dusche war der Lauf nur ein Randthema. Für die meisten war er sowieso nur eine Trainingseinheit für den Rennsteiglauf über 72,7 km. In 14 Tagen!

 

Nach dem Ultra ist vor der nächsten Frage

Mir hat es wahnsinnig viel Spaß gemacht und ich hatte das Gefühl, allen anderen ging es auch so. Du erlebst das Laufen intensiver. Beim Stadtmarathon läufst du mit 30 000 Menschen und bist trotzdem allein. Beim Naturlauf fühlst du dich nie allein. Du bist Teil der Natur oder nimmst an der Natur teil. Beim Stadtmarathon war ich noch nie Stadtteil.

Seit dem ich Ultra bin, hat sich nichts verändern. Okay, die Fragen die mir gestellt werden ändern sich. Aus „warum machst du das“ wird „Und? Machst du das nochmal?“

An der Antwort feile ich noch.