Zeittunnel-Marathon ................................... 28. Oktober 2012

Anreise

Von Bad Nenndorf aus gesehen liegt Barfelde kurz vor Hildesheim. Wer glaubt, in Barfelde sei die Zeit komplett stehen geblieben, der irrt. Der beschauliche Ort ist durch Straßen erschlossen und kann mit dem Auto bequem erreicht werden. Von uns aus sind es knickrige 55 km bis Barfelde.

Gegen 23 Uhr verstaute ich meine Klamotten in den Kofferraum, setzte mich ans Steuer und lenkte den Blechhaufen über die nächtlichen Straßen. Die Stimme des Nachrichtensprechers aus dem Radio nervte zum wiederholten Male mit der Meldung, dass heute Nacht um 3, die Uhr um 1 Stunde zurückgestellt wird. Den ganzen Tag und den ganzen Abend erinnerte er schon daran. Und heute Nacht dudelte er es immer noch. Kurz vor meiner Ankunft wies er noch einmal darauf hin, dass heute Nacht um 3 Uhr……….. klick! Ich stellte erst das Radio und dann das Auto ab, ging ins Rote-Kreuz-Heim, wo sich die Organisatoren des Zeittunnel-Marathons um alles kümmerten. Auch um so einen Heini wie mich!

Ich wurde von Susanne und Michael freudig begrüßt, kurz mit den technischen Details und den übrigen Besonderheiten des hoch wissenschaftlichen Laufes vertraut gemacht. Ich fand alles ziemlich normal. Eigentlich brauchte ich ja nur zu laufen und abzuwarten, was die Zeit so mit sich bringt.

Ich suchte mein reserviertes Feldbett in einer 1-Sterne-Scheune auf, richtete mich dort notdürftig ein und wartete auf den Lauf gegen die Zeit. Bis es soweit war, musste nur noch Zeit vergehen, ungefähr eine ¾ Stunde. Bei lustiger Stimmung lernte ich die anderen 4 Läuferinnen und 34 Läufer aus allen Ecken der Republik kennen. Mit den neun zusätzlich gemeldeten Staffeln wurde es schon ein wenig enger in Barfelde. Als die Zeit reif war, und unsere Stunde geschlagen hatte, trotteten wir zum Start.

In einer Scheune hatte ich ein Feldbett gebucht. Nach dem Lauf wollte ich micht dort entspannen.
Mein Aufwärmprogramm vor dem Zeittunnel-Marathon in Barfelde sah etwas anders aus als sonst.

Alte Zeiten

Nachts um 1 Uhr standen wir gemeinsam und freiwillig in der City von Barfelde an der Startlinie, wild entschlossen, den Zeitsprung live mitzuerleben. Punkt 1 Uhr ging es los. Ein Startböller wurde aus Rücksicht auf die schlafenden Einwohner nicht abgefeuert. Sehr gutherzig! Wir liefen dann los. Es ging über den nördlichen Cityring bis an den Randbereich der Stadt, von da aus in südliche Richtung. Dann liefen wir erst kreuz und dann auch noch quer durch Barfelde. Zu guter Letzt ging es wieder zurück zum Startpunkt. Dort war es dann vorbei. Ende! Fertig!! Aus!!!

Die erste Runde über 2222 Meter war also geschafft. Was soll ich sagen? Barfelde hat nun mal nicht mehr Straßen, da ist der Laufschuh schnell durchs Dorf getrieben. Viele Sehenswürdigkeiten gibt es auch nicht. Barfelde ist ein verträumtes Städtchen, vor allen Dingen um 1:00 Uhr, mitten in der Nacht. Nach Beendigung der zweiten Runde hatte ich alle Highlights gesehen.

So drehte ich tapfer meine Runden, insgesamt sollten es 19 werden. Heute hatte ich mal wieder eine Uhr dabei. Keine eigene, ich besitze keine, Gisela hat mir ihre geliehen. Ich begab mich aus freien Stücken unter das Diktat einer Uhr. Ich wollte genau sehen, was passiert, wenn die Zeit Aussetzer hat. Noch liefen wir in der guten alten Sommerzeit. Das Zählen der Runden übernahm der Veranstalter im extra dafür installierten Zeittunnel-Zelt. Leider fiel die elektronische Zeitnahme ganz aus, die Uhren spielten schon nach der zweiten Runde verrückt. Wie soll das erst um 3 Uhr werden?

Sollte ich heute als Letzter ankommen, völlig egal, der 38. Platz wäre trotzdem meine beste Platzierung bei einem Marathon. Es ging aber nicht so sehr um meine Platzierung, es ging um die Zeit. Auch nicht um meine Laufzeit, sondern um die physikalische Frage, welchen Lauf nimmt die Zeit? Es gab zwei Theorien: Die Zeit anhalten oder zurückdrehen. Kann der Veranstalter darauf einwirken? Hat er die Zeit im Griff?

 

Kalte Zeiten

Tagsüber schien kräftig die Sonne und es war furztrocken. In der Nacht leuchtete der fast volle Mond vom sternenklaren Himmel, dafür war es arschkalt, wir hatten deutliche Minusgrade. Lange Laufkleidung, Handschuhe und Kopfbedeckung gehörten bei den meisten Teilnehmern zur Überlebensstrategie. Einige Anwohner hatten ihren Grill auf die Straße geschleppt um sich am Feuer zu erwärmen, während sie uns aufmunterten oder bedauerten.

 

Time out

Kurz vor 2 Uhr hatte ich etwa 10 Kilometer absolviert. Gleich ist es soweit! Wir, die wie die Uhrwerke laufenden Menschen, stehen kurz vor der Beantwortung der Zeitfrage. Bleibt in Barfelde die Zeit stehen? Geht das? Für mich blieb das Geschehen etwas fragwürdig. Zeit gibt es eigentlich nicht, Zeit entsteht erst aus Bewegung. Es vergeht Zeit, weil Dinge geschehen. Somit müssten wir also zwischen 2 und 3 Uhr wie angewurzelt stehen bleiben damit sich nichts bewegt. Erst dann bleibt auch die Zeit stehen. Will das einer? Hier wollte das keiner! Keiner blieb stehen. Die Zeit auch nicht, sie lief einfach weiter. Auch auf Giselas Uhr, das habe ich selbst gesehen.

Time out funktionierte also nicht. Es war alles wie immer, die Zeit lief uns davon.

 

Plan B

Das das so war, war längst kein Grund zur Enttäuschung. Mir fiel der Nachrichtensprecher aus dem Radio ein: Um 3 Uhr wird die Zeit um 1 Stunde zurückgestellt. Aha! Das war die Lösung: Nicht anhalten, zurückstellen!

Wir liefen weiter, die Zeit lief weiter, Barfelde schlief weiter. Bis auf die Organisatoren, die bereiteten akribisch Plan B vor. Die Zeit sollte um 3 Uhr gnadenlos zurückgedreht werden. Eine Stunde blieb der Einsatzleitung im Rote-Kreuz-Heim noch, dann sollte das Rad der Zeit zurückgestellt werden. Mal sehen, ob die Organisatoren diesen Dreh raus haben.

Bis dahin drehten wir weiter unsere Runden im Dienste der Wissenschaft.

 

Fünf vor Drei

Gehe von 3 Uhr zurück auf 2 Uhr. In 5 Minuten ist es soweit. Merke ich den Zeitsprung? Falle ich in ein Zeitloch? Wird das zwischen 2 und 3 Uhr Erlebte sofort aus meiner Vergangenheit gelöscht? Anschließend mit einer anderen Zukunft überplant und als Gegenwart neu gelebt?

Stellt sich die Giselas Uhr um 03.00 Uhr tatsächlich von selbst um? Oder gibt es eine neuerliche herbe Enttäuschung, weil sich einfach nichts tut. Denn je nach Leistungsfähigkeit der Uhr synchronisiert sich das Gerät möglicherweise erst am Morgen. Wird mein Körper, wie die Uhr auch neu synchronisiert und im günstigsten Fall reloaded? Werden die Beine auf Startfrische resettet? Oder wird mein körperliches Befinden nur auf den Start-Zustand von 2 Uhr zurückgesetzt? Spannende Fragen!

 

Der Uhrknall in Barfelde

Der große Augenblick war da. Punkt 3 Uhr wurden die Uhren beim Zeittunnel-Marathon auf 2 Uhr zurückgedreht. Eine Pionierleistung der Leitzentrale im Rote-Kreuz-Haus. Dank der logistischen Wundertat des Orgateams war es wieder 2 Uhr. Das alles geschah für uns, und es geschah unbemerkt und lautlos. Ein neuer Uhrknall blieb aus. Leider! Gerne hätte ich mich explosionsartig ausgedehnt, nicht im Universum, sondern hier auf der 2222 Meter langen Umlaufbahn. Toll, wenn das gegangen wäre. Ging aber nicht!

Immerhin hatte ich die Zeitreise bis hierher unbeschadet überstanden, ich war zurückversetzt auf 2 Uhr. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Höchstens in der Schule, wenn ich eine Klasse wiederholen musste.

 

Der Blick zurück

1980 wurde die Sommerzeit in Deutschland eingeführt. Dadurch sollte Energie eingespart werden. Nun war sie vorbei, die Sommerzeit, und meine Energie ging zur Neige. Von Ersparnis keine Spur, jedenfalls nicht bei mir, und es waren noch 21 km zu laufen. Mein Körper war inzwischen etwas geschwächt und das Immunsystem ein wenig ruiniert. Mir wurde immer kälter. Hatten Susanne und Michael die Uhr etwa versehentlich bis in die Eiszeit zurückgedreht?

 

Der Blick nach vorn

Der weiteste Weg lohnt sich. Vom Start, bis jetzt, bin ich 21 Kilometer gelaufen, nicht schlecht! Geradezu überragend, wenn man bedenkt, dass seit dem Start ungefähr eine Stunde vergangen war. Donnerwetter! Ich lag schnurgerade auf Weltrekordkurs!!

Jetzt nur nicht nervös werden. Warum auch? Dieser Lauf ist eh nicht Bestenlisten fähig, so stand es in der Ausschreibung. Wenn ich weiter so laufe, ärgere ich mich im Ziel nur, denn neuer Weltrekord wäre für mich gleichzeitig auch persönliche Bestzeit, und die zählt dann nicht. Wie ärgerlich wäre das denn? Das tue ich mir nicht an! Ich lief einfach langsamer, soviel Zeit musste sein.

Ab der 10. Runde traten ungeahnte Schwierigkeiten auf. Ich nenn sie mal Marathon-Jetlag. Meine innere Uhr im Kopf war der Zeit immer noch eine Stunde voraus. Gedanklich war der Hirnkasten somit schon im Ziel. Mein Körper, als Vertreter der äußeren Uhr, hatte sich sofort umgestellt, er lief jetzt eine volle Stunde hinter dem Kopf her. Das war großer Mist!

Ich organisierte mich neu. Motto: Strecke vor Zeit. Es waren noch 9 Runden zu laufen. Nur das zählte, für Kopf und Körper.

Manche Veranstalter bieten für viel Geld Überlebenskurse an. Ich versuche Rundkurse zu überleben. Der in Barfelde war wieder so einer. Es sah nicht gut aus für mich. Ich musste immer langsamer laufen. An den Wohnhäusern gingen nicht mal mehr die Bewegungsmelder an, wenn ich daran vorbei lief. Die Zeit interessierte mich überhaupt nicht mehr. Dafür spürte ich den Zahn der Zeit, der an mir rum nagte, und ich merkte, diese Nacht wird nicht mein Tag! Viel Dynamik hatte ich nicht mehr in die Waagschale zu werfen. So klein kam mir Barfelde mittlerweile auch nicht mehr vor. Nach der 13. Runde beendete ich den Lauf. 24 Marathons musste ich laufen, um endlich einmal aufgeben zu können……………

 

Naja, so ganz stolz war ich nicht darauf. Das mit dem letzten Platz hat auch nicht geklappt! Es sollte nicht sein. Zeit kann man, wie erlebt, rückgängig machen. Was erlebt worden ist, nicht. Und das ist gut so.

Ein Traum im Feldbett

Ich schleppte mich erschöpft in die Scheune. Dort geriet die Zeit dann gänzlich aus den Fugen. In der Scheune sah es aus wie in einem römischen Heerlager, ich war zurück im Jahre 9 n. Chr. Zwischen einigen abgekämpften Helden war ich der geschlagene Krieger. Als ich schachmatt ins Feldbett niedersank, war ich der Zeit dann wieder weit voraus, mindestens um ein Jahr, denn um so viel fühlte ich mich älter.

Das spartanische Feldbett wurde zur Komfortzone. Man lernt die einfachsten Dinge wieder schätzen. Ich machte mich lang, entspannte mich und döste vor mich hin. Da lag ich nun ziemlich groggy, meine Gedanken kreisten umher.

Werde ich nun vermessen, ausgewertet und durchgecheckt? Wird mir eine Zeitprobe entnommen? Werde ich gescannt, untersucht und vielleicht positiv auf Zeitumstellung getestet?

Die furchtlosen Bürger von Barfelde konnten eine Stunde länger schlafen, weil die Uhr zurückgestellt wurde. Wir mussten die Stunde zwischen 2 und 3 Uhr zweimal laufen! Weil die Uhr zurückgestellt wurde. Wie ungerecht ist das denn?! Die Zeitumstellung gehört abgeschafft!!!

Irgendwie konnte ich in der Scheune keine Ruhe finden. Mir wurde immer kälter, trotz einer kompletten Outdoor-Schlafausrüstung. Ich packte meinen Krempel ein, verließ das Iglu und eierte zu meinem vereisten Blechhaufen.

 

Neue Zeiten

Morgens gegen 4:30 Uhr startete ich das Auto für die Heimfahrt. Die Heizung holte mich zurück in eine kuschelige Gegenwart. Alles war gut! Bis auf den Nachrichtensprecher!! Er teilte mit, dass die Uhr heute Nacht um 3, um eine Stunde zurückgestellt worden ist………… Schnauze …………. Klick …….. Radio aus.

Das waren noch Zeiten! Nach der ersten Runde befanden sich sogar noch Zeitläufer hinter mir.....

Marathon - Vorschau

Die Zeit rast immer………

Mein letzter Marathon liegt 4 ½ Jahre zurück. Er war im April 2009 in Hamburg. Die letzten Kilometer wollten einfach nicht vorbeigehen. Die Zeit dafür umso schneller, erst nach 4:26 Std. erreichte ich das Ziel. In Hamburg bin ich auch meine schnellste Zeit gelaufen, 3:31 Std. Dieses Ereignis liegt schon über 6 Jahre zurück. Kinder, wie die Zeit vergeht, sie rast uns davon! Wir können sie nicht aufhalten! Oder doch?

 

Halt die Welt an, stopp die Zeiger der Uhren……..

…….. Gibt´s nicht? Gibt’s doch! Jedes Jahr stoppen wir Ende Oktober eine Stunde lang die Uhr. Eine Stunde ohne Zeit wird uns dadurch geschenkt. Wir können also zeitlose Momente erleben. Ganz real! Und ganz legal! Eine Stunde im immerwährenden Jetzt leben. Wer möchte das nicht?

Wir!!

Wieso nicht? Weil wir die Zeit verpennen! Wir legen die Zeitumstellung mitten in die Nacht und dann auch noch aufs Wochenende. An anderen Terminen haben wir keine Zeit für keine Zeit. Wir knallen uns lieber aufs Ohr und verratzen zeitloses Nichts. Das ist sinnlose Zeitverschwendung!

Damit soll nun Schluß sein. Dank einfallsreicher Menschen soll es am 28. Oktober 2012 möglich sein, anstatt mit der Zeit zu gehen, ohne Zeit zu laufen! Verstanden? Neee?

Hast du Zeit? Dann erkläre ich es dir:

Zeittunnelmarathon………

In einem virtuellen Zeittunnel soll bei einem Marathon das Experiment der Zeitverschiebung Wirklichkeit werden. Der Versuch findet nicht bei der NASA, nicht bei der ESA, nicht im CERN und schon gar nicht im Reagenzglas statt, sondern in Barfelde. Das kleine, bislang unbekannte niedersächsische Städtchen, irgendwo zwischen Flensburg und Rosenheim, wird nach dem Experiment Deutschlands weltberühmteste europäische Stadt sein. Ich werde mich an der Mission beteiligen. Freiwillig!

 

…. stopp die Zeiger der Uhren……

Der Zeittunnelmarathon startet nachts um 1 Uhr. Er geht über volle 42,195 km. An der Länge wird nix getüftelt, nix verlängert, nix verkürzt. Ich laufe mit weiteren Verrü…….., äh, Freiwilligen in dem virtuellen Zeittunnel. Er liegt auf einem Rundkurs in der City von Barfelde und ist 2222 Meter lang. Barfelde scheint nicht allzu groß zu sein.

Durch die Zeitverschiebung ist es dem Veranstalter nicht möglich, die reale Laufzeit der Läufer zu messen. Soviel Zeit können die Verantwortlichen aufgrund des kompakten Geschehens in dieser Nacht nicht investieren. Verständlich, denn die Macher dieser Veranstaltung versuchen mit vereinten Kräften die Uhr anzuhalten. Nachts um 2 Uhr klammern sich an den Zeigern fest, um sie am weitergehen zu hindern. Sie stellen sich massiv der Zeit entgegen, nehmen sie in den Haltegriff, mutig stoppen sie für uns die Zeiger der Uhren, eine ganze Stunde lang.

Die Helden von Barfelde erschaffen so zeitlose Zeit, die die Bewohner zusätzlich verpennen können. Wir nutzen dagegen die Stunde, die eigentlich gar nicht da ist, zur Körperertüchtigung. Wenn die Uhren nicht mehr richtig ticken, legen wir 42,195 Kilometer zurück.

Der Veranstalter wertet die Differenz zwischen Startzeit und Zielzeit. Um die nicht vorhandene Stunde kann er sich nicht auch noch kümmern. Und was nicht da ist, kann man auch nicht messen. Logisch!

Ich könnte also wieder 4:26 Std. laufen, wie damals in Hamburg. Aber gleichzeitig mit 3:26 Std. eine neue Bestzeit aufstellen, krass oder?

Ich werde berichten, wenn die Zeit reif ist……………